| FANNY MÜLLER/SUSANNE FISCHER STADT.LAND.MORD |
STADT . LAND . MORD
Kriminelle Briefe
nachgelassener Frauen
Irene Todtenhaupt ist von ihrem Otto
(ein Trostpreis") genauso wenig begeistert wie Marie-Luise Fleischmann von
ihrem Werner (braungebrannter Schmierlappen"). Ganz ärgerlich aber werden
beide Damen, als sich herausstellt, daß es sich bei ihren Gatten um ein und dieselbe
Person handelt. Zum Glück ist Otto-Werner oder Oweh", wie er im Briefwechsel
der beiden Frauen nun genannt wird, beizeiten der Schädel eingeschlagen worden, und die
Damen genießen ihren wohlverdienten Witwenstand.
Doch die neugewonnene Unabhängigkeit gerät ins Wanken, als plötzlich ein Doppelgänger von Otto-Werner auftaucht. Welcher ist nun der echte Oweh, und wieviel weiß eigentlich seine Mutter Kläre, die mit ihren Liebhabern auf Mallorca überwintert, über sein Doppelleben? War Tante Sophie eingeweiht, obwohl sie gaga ist? Hängt alles mit Irenes dunkler Vergangenheit zusammen?
Obwohl die Heldinnen - Frauen im besten, wenn auch nicht allerbesten Alter - diese Geheimnisse in ihrem Briefwechsel klären müssen, bleibt ihnen noch genug Energie für eindringliche Skizze aus der geheimnisvollen Welt des Frauenlebens: Die Stadt, das Dorf, Tupper-Parties, Schützenfeste, Ordnungskräfte, Altersheime, Mode und Kittelschürzen. Alles wird hemmungslos kommentiert.
Fanny Müller und Susanne Fischer lüften die Geheimnisse um Oweh in ihren Lesungen natürlich nicht, wer würde denn dann noch das Buch kaufen?! So ergänzen sie die Lesung aus STADT.LAND.MORD mit Satiren aus ihrem insgesamt umfangreich literarischen Werk.
Wie ich einmal Frau Fischer kennenlernte
Als Frau Fischer mich kennenlernte, lernte ich sie noch lange nicht kennen, weil ich eine Sonnenbrille aufhatte, durch die ich praktisch nichts sehen konnte.
Dann lud sie mich zum Essen zu sich nach Hause ein. Zum Nachtisch gab es einen Apfelauflauf, der bestimmt köstlich gewesen wäre, wenn sie ihn nicht auf den Terrazzo-Küchenfußboden geschmissen hätte.
Als Frau Fischer einmal nach Hamburg kam, lud ich sie in ein Restaurant ein, weil ich gerade sehr gutes Porzellan geerbt hatte.
Frau Fischer lebt auf dem Lande zwischen Traktoren, Heidschnucken, Schützenfesten und Nachbarn, die Käsegriller verzehren. Deshalb muß sie in der Stadt immer Getränke bestellen, die mit Apfelsinenscheiben und kleinen Sonnenschirmen dekoriert sind. Dann wird sie sehr lustig, besonders in dem Moment, wenn es im Lokal gerade sehr still ist. Da Frau Fischer von Haus aus eigentlich eine Dame ist, ist es ihr sehr peinlich, daß alle Leute gehört haben, wie sie ein fieses Wort gesagt hat. Den Rest des Abends muß ich ihr dann immer wieder versichern, daß das ganz piepegal ist. Das glaubt sie aber nicht und bleibt einfach unter dem Tisch sitzen.
In Frau Fischers schönen Buch Kauft keine Frauen aus Bodenhaltung" geht es aber sehr anständig zu. Es handelt z.B. von kleinen alten Damen, die Postbeamte und deren Kunden in den wohlverdienten Wahnsinn treiben, und von Bahnhöfen (Uelzen), die die letzte Station vor der Unterwelt sind, vielleicht aber auch schon die Hölle selbst.
Frau Fischer ist sehr großzügig. Manchmal überläßt sie mir Sätze, die Bekannte von ihr vor zwölf Jahren beim Skifahren ausgerufen haben und die sie aus sittlichen Gründen nicht verwenden möchte (Es kommt, es kommt. sag Du zu mir").
Ich habe viel von Frau Fischer gelernt, nämlich gutes Benehmen, und sie hat viel von mir gelernt, nämlich, daß in einer Welt, in der von erwachsenen Personen Käsewürste gegrillt werden, gutes Benehmen in Wirklichkeit das letzte ist, worauf es ankommt.
Wie ich einmal Frau Müller kennenlernte
Ach" stöhnte Frau Müller, als ob das Leben sehr anstrengen sei, und sah durch die auffälligste Sonnenbrille, die mir jemals begegnet ist. Ich wollte Frau Müller das Leben nicht noch schwerer machen und versuchte im Boden zu versinken. Das ließ sie aber nicht durchgehen, und so lernte ich Frau Müller kennen, was meinem Leben eine positive Wende gab.
Alles und jeden außer mir kannte Frau Müller zu diesem Zeitpunkt schon. Ich versuchte, ihr etwas Neues zu erzählen. Das weiß ich doch", ächzte Frau Müller.
In fremden Städten fragt sie als erstes Verkehrspolizisten nach dem Weg zur Bibliothek, obwohl sie da nicht hinwill, und Busfahrer nach dem Stand der Dinge im allgemeinen. So hat sie bereits eine Menge unerwünschter Heiratsanträge eingeheimst. Das muß ja nicht sein", seufzt Frau Müller.
Ihren Alltag verbringt sie im Hamburger Schanzenviertel, umzingelt von Punks mit Schäferhunden, die auf alberne Namen hören (auch die Herrchen), und den Insassen der umliegenden Altersheime, die überhaupt nichts mehr hören. Schön ist das nicht", konstatiert Frau Müller und stöhnt.
Was sie dort erlebt, schreibt sie zur Freude ihrer Leserinnen und Leser aus, und veröffentlicht es zum Beispiel in der jungen Welt. Als Titanic-Kolumnistin (Mit den Augen einer Frau") sorgt sie schon längst dafür, daß alle Welt erfährt, wie lustig es bei Hochhaussprengungen zugeht. Sie hat sich um die Volksbildung verdient gemacht. Ach was", ächzt Frau Müller.
Gottseidank gibt es auch zwei Bücher von Frau Müller. In Geschichten von Frau K." erfahren wir alles über die Rentnerin K. und ihre unsägliche Dackelin Trixi. Mein Keks gehört mir" bietet nützliche Geschichten aus allen und über alle Lebenslagen. Das Schöne an Frau Müller ist, daß sie hübscher aussieht als ihre Kollegen und besser kochen kann. Sie kümmert sich um ihre Nichten, wenn sie wieder '20 Mark bis nächsten Donnerstag" brauchen. Sie sorgt sich um das Allgemeinwohl, indem sie Tupperpartys beschreibt und Prinz Charles durch Hamburg verfolgt, so daß nachher niemand sagen kann, er habe nichts gewußt. Sie sollte längst das Bundesverdienstkreuz... - Mir doch egal" brummelt Frau Müller und kontrolliert mit einem scharfen Seitenblick auf mich ihren Vorrat an spanischem Weinbrand.