MAURICO ROSENCOF:
LESUNGEN
FÜR KINDER
 



MAURICIO ROSENCOF ERZÄHLT AUS:

„DAS LIED IM KIESELSTEIN"

Mauricio Rosencof ist Sohn polnischer Juden, die schon 1931 nach Uruguay emigrieren konnten. Er wurde 1933 in Montevideo geboren und lebt seitdem dort, zunächst als Journalist, heute als Autor und Dramatiker. Rosencof ist Mitbegründer der legendären Stadtguerilla MLN/Tupamaros und war unter der Diktatur in Uruguay für 13 Jahre in den Kerkern der Militärs unter unvorstellbaren Bedingungen eingesperrt.

Die Geschichten zum Buch „Das Lied im Kieselstein" hat Rosencof in diesen Kerkern schreiben können, für seine Tochter Alejandra, mit der er heute zusammen in einem Haus lebt. Heute erfindet Mauricio Rosencof Geschichten für seine Enkelin Ines, die inzwischen vier Jahre alt ist.

Und von allem erzählen Mauricio Rosencof bei seinen Lesungen für Kinder etwas: vom Leben in Montevideo, vom Fußball, von den Kindern dort. Er wird erzählen, wie die Seepferdchen entstanden sind und woher die Farbe Orange kommt. Und so manche Antwort auf die Fragen der Kinder ist, ist vielleicht schon wieder eine neue Geschichte.

 

 

 

Erzählungen für Kinder

 

DAS SEEPFERDCHEN

Man erzählt, daß es in einer vergangenen Zeit keine Städte gab, sondern nur kleine Dörfer am Ufer stiller Seen mit kleinen Häusern, roten Ziegeldächern und einem Glockenturm. Zu dieser Zeit trottete auf der ganzen Erde nur ein einziges, einsames Pferdchen umher. Und auch den Wind soll es noch nicht gegeben haben, und die Wolken schwebten höher als die Gelbe Sonne, um sie nicht zu stören.

Da sich das Pferdchen abends sehr allein fühlte, ging es ans Ufer des stillen Meeres, dessen Oberfläche kaum von Wellen bewegt war. Denn in jenen Tagen war der Wind noch nicht erfunden. Dann tauchte es seine Beine bis zu den Knöcheln ins Wasser und betrachtete sich in dem zahmen Meer wie in einem Spiegel. In diesem Augenblick wußte es, daß es zu zweit auf der Welt war. Es vertrieb sich die Zeit damit, zu lachen und Grimassen zu schneiden, die das Seepferdchen still nachahmte. Und so war es lange, lange Zeit.

Eines Tages jedoch wurde es dem Erdenpferdchen mit seinem Abendgefährten zu langweilig, und es ging in die Wälder, um wilde Erdbeeren zu essen. So kam es, daß sich das Spiegelbild des weißen Pferdchens, gewohnt an die allabendlichen Treffen mit seinem Erdenbruder, allein am Ufer einfand, um nach seinen Freund zu suchen.
Im Unterschied zu diesem hatte es eine sanfte grüne Farbe, und seine Mähne war wie nach Salz und Muscheln duftender Seetang.
Vom Grund des Wassers aus blickte es still und erstaunt zur Oberfläche hoch, ohne sein Ebenbild finden zu können. Da füllten sich seine Augen mit den Sternen der Nacht, die in seinen großen Pupillen leise bebten, und seine feuchten Lippen tranken genüßlich die vom Sonnenuntergang orange-lila gefärbten Luft. Und so vergnügte sich das Wasserpferdchen Abend für Abend.

Dennoch hatte es Kummer. Es war nicht glücklich. Denn obwohl das Meer und der Himmel riesig und unermeßlich waren, konnte es nicht weiter hinaus als bis zur Sandbank, wo es sich gerne hinsetzte, um auf seinen Erdenbruder zu warten. Das Ärmste konnte nicht auf aufs offene Meer hinaus, denn es war immer von den Bewegungen des anderen abhängig, wie das im Spiegel gefangene Bild, das schweigend, ohne Stimme, nur nachahmt. Auch singen konnte das Seepferdchen nicht, und das, wo doch die Lieder Begleiter der Einsamen sind.

Bis eines Tages die Sterne, die seine Freunde waren, einen Entschluß faßten: sie begannen zu pusten. Sie hatten schon seit langem beobachtet, wie das Seepferdchen unter seiner Unbeweglichkeit litt, und ihr Pusten war süßer Flötenklang. Die Brise wehte vom Himmel herab, wirbelte die Luft auf, eilig und sangeslustig. Die Zweige der Wälder bewegten sich, die gefiederten Schöpfe der Vögel wurden zerzaust, und auf der Oberfläche des Meeres und der Seen kräuselten sich die Wellen. Und so kam der Wind auf die Erde, sanft wie ein Flügelhauch und geheimnisvoll wie die Spur, die das Kleid einer Fee im Flug hinterläßt.

Die Brise strich zart über die Wangen des Seepferdchens, das lächelnd „danke" sagte. Und sein erstes Wort war wie der Flötenklang. Dann fing es an zu tanzen. Und es entdeckte, daß seine Beine von selbst anmutige Bewegungen machen konnten, wie junge Wellen und wandernder Seetang. Und so zog es, ohne noch mehr Zeit zu verlieren, auf die See hinaus, und sein Schweif quirlte Blasen ins Wasser.

Auf diese Weise wurde das erste Seepferdchen geboren, das wie seine grünen Brüder manchmal abends an der Oberfläche erscheint, um sich mit den wundersamen Brisen und seinen Freunden, den Sternen, zu unterhalten. Dann können wir jenen zarten Klang hören, den der Abendwind an den Frühlingstagen herbeiträgt.

 

aus: MAURICIO ROSENCOF: "Das Lied im Kieselstein"
(Hamburg 1991, Verlag Libertäre Assoziation, ISBN 3-922611-18-4)

Illustration: Elbio Ferrario

 

HIER LIEST MAURICIO IM HERBST '98 KINDER:

24.09.98
15.30 Uhr

DETMOLD
Villa

29.09.98
10.00 Uhr

Weimar