BASTA-Theater
ANSICHTEN EINES CLOWNS
(frei nach dem Roman von Heinrich Böll)

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ANSICHTEN EINES CLOWNS

Hans Schnier, die Romanfigur von Heinrich Böll, läßt sich als Clown nicht länger zum Narren halten. Er nimmt sich das recht heraus, auch ungeschminkt die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. Die von seinem Agenten geforderte Neuorientierung hin zu Comedy und Fernsehtauglichkeit lehnt er ab.

Der Clown sitzt nach einer Aufführung allein in seinem Hotelzimmer. Er, der einstmals erfolgreiche Clown, sucht verzweifelt nach den Gründen seines Abstiegs. Als Clown ist er böse und provokativ. Er beugt sich nicht den gesellschaftlichen Normen. Er nimmt mit seinen Nummern Missstände aufs Korn, statt sein Publikum mit Seifenblasen zu verzaubern.

Auch will er sich nicht darauf beschränken, nur auf der Bühne ein Clown zu sein. Jede Art von Anpassung ist ihm zuwider.

Mit seinen millionen-schweren Eltern hat er sich überworfen, weil er ihre Doppelmoral zutiefst verabscheut. Seine Freundin Marie hat ihn verlassen, weil sie nicht länger das unstete Leben an der Seite eines Clowns ertragen hat. Seit sie statt dessen in den sicheren Hafen der Ehe eingelaufen ist, hat Hans Schnier sein Gleichgewicht verloren.

Hans Schniers Bilanz ist ernüchternd: ein Clown, der seine Unschuld verloren hat, hat seine Schuldigkeit getan. Und dennoch widersteht er dem Druck, sich anzupassen. Er will nicht "vernünftig" werden, obwohl alle Welt das von ihm erwartet.

Hans Schnier entscheidet sich für die "Gosse". Er wird Straßenkünstler und beschließt, damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Doch auch auf dem harten Pflaster der Fußgängerzone hält er den PassantInnen den Spiegel vors Gesicht. Trotz seiner misslichen Situation ist der Clown Hans Schnier nicht bereit, seine Werte und sich selbst aufzugeben. Er bleibt ein Clown, der sich nicht zum Narren halten läßt. "Denn merkwürdigerweise mag ich die, von deren Art ich bin - die Menschen".

ÜBER DAS STÜCK

Ausgangspunkt des Theaterstücks "Ansichten eines Clowns" ist die Romanvorlage von Heinrich Böll. Die Form des Theaterstücks orientiert sich an der epischen Romanvorlage. Dennoch weicht die Inszenierung von Bölls Original ab: der Konflikt zwischen einem clownesken Außenseiter und einer konformen Gesellschaft entzündet sich heute an anderen Punkten als noch 1963.

Das Stück fragt nach den Visionen einer utopielosen Gesellschaft. Es fragt, ob der Clown heute noch Träger von Utopien ist, ob er die verschütteten Träume und Sehnsüchte der Menschen noch wach hält. Oder verkommt er zunehmend zu einem modernen Hofnarren, der das Publikum zwar mit seiner Poesie beseelt, es dann aber in den seelenlosen Alltag entlässt, damit es dort wieder reibungslos funktioniert?

Das BASTA-Theater hat die "Ansichten eines Clowns" als ein Theater-Solo inszeniert, bei dem der Wuppertaler Schauspieler und Pantomime Rudi Rhode im fliegenden Wechsel alle Personen des Stückes spielt.

Die Inszenierung lebt von der Vielseitigkeit und Erfahrung des Schauspielers: Rudi Rhode hat in seinen bislang 13 Berufsjahren etwa 1.500 mal als Schauspieler und Pantomime in vielen Ländern auf der Bühne gestanden. Mit der Ausdruckskraft seiner Körpersprache gelingt es ihm, die Charaktere und Figuren des Stückes überzeugend und hautnah auf die Bühne zu bringen.

DAS MEINT DIE PRESSE

Rudi Rhode zeigt seine Solo-Adaption von Bölls "Ansichten eines Clowns"

Von unserem Mitarbeiter Dodo Spark

Brake. Nüchtern betrachtet habe er eigentlich seine eigene Situation dargestellt, meinte Rudi Rhode, Schauspieler am Basta-Theater Wuppertal, nach seiner zeitnahen Solo-Adaption von Heinrich Bölls "Ansichten eines Clowns" am Dienstag abend im Fischerhaus.

"Zoten bringen Quoten" lässt er den desillusionierten Hans Schnier ein entlarvendes Resümee ziehen. Der Erfolg wird in LpM gemessen, und Lacher pro Minute erntet nur, wer vor seinem Publikum die Hose herunterlässt. Die pantomimische Darstellung eines von Missgeschick begleiteten Stuhlgangs, das hat doch was, da freut sich die Hochzeitsgesellschaft und grölt trunken vor Begeisterung. Was bleibt, ist eine verdreckte Garderobe, Familienfeiern und der Flachmann: "Der Clown ist im Arsch!"

Rudi Rhodes sezierender Blick auf das Einzelschicksal und die gesellschaftliche Wirklichkeit schmerzt. Der Clown verkleidet sich, setzt die rote Nase auf, spielt den Pierrot, doch bitte keinen Tiefgang, Reflektieren verpönt. "So viele engagierte Kollegen haben aufgegeben", erzählte der Schauspieler im Gespräch.

Blitzschneller Rollenwechsel

Wie solle man sich gegen "Comedie" auf allen Kanälen und immer mehr auch auf den Kleinkunstbühnen durchsetzen. Kurzerheiterung ohne Anspruch gegen Nachdenklichkeit und Sensibilität, da steht der Verlierer fest. Wie lange? Rudi Rhode hofft weiter, und "sein" Hans Schnier zieht alle Register, von der Verzweiflung bis zum Aufbegehren, pantomimische Ausbrüche von bedrängender Intensität, blitzschneller Rollenwechsel, eine emotionale Hetzjagd.

Hans Schnier ist nicht mehr der des Heinrich Böll. Dessen Auseinandersetzung mit dcm Katholizismus und der Wohlstandsgesellschaft zur Zeit der auslaufenden Adenauer-Ära bedurfte einer Umdeutung. Doch die Grundidee ist geblieben. Der Clown, Sohn eines millionenschweren Vaters, der sich von ihm abgesägt hat, ist am Ende, schreit in seiner existentiellen Not und reißt dem Vater in einer unglaublich intensiven Szene die Maske vom Gesicht. Einem Gesicht, einer Gestalt, die sich im Gefängnis seiner verengten Wahrnehmung "Geld, Geld, Geld" - fratzenhaft bewegt und dabei postuliert, „Geld macht frei". Auch dieser Hans Schnier stößt sich an der Verlogenheit der verordneten Religiosität, spielt den Pfaffen mit dem Kreuz, lässt ihn von prinzipieller Ordnung, Barmherzigkeit, Nächstenliebe schwafeln, und aus dem Kreuz wird der Degen.

"Werde doch vernünftig!" Als poetischer Clown soll er es zum Erfolg bringen, lockt ihn der Impresario fort von Kritik und revolutionärem Aufbegehren. Hans Schnier setzt dagegen ein: "Die Welt bricht auseinander, und der Clown produziert Seifenblasen." Schöne Poesie und dann? Beseelt von der Poesie kehrt das Publikum zurück in den seelenlosen Alltag." Nein, das ist nicht seine Antwort. Weg mit den Utensilien, runter mit Hemd und Hose, das Gesicht verbunden bis auf den Mund, nackte Wahrheit und Leere, so tritt er zum Schluss vor das vergnügungssüchtige, zotenversessene Publikum.

Ungeheuer lebendig

Großer Applaus für einen großen Darsteller, Kleinkunst als Weltschau und Veranstalter, die Schauspielern wie Rudi Rhode Mut machen können, Mut zum Hinterleuchten, zur Provokation, zum Anderssein. Hans Schnier hat zwar nur noch eine Mark, und der Flachmann ist leer, aber er ist in seiner Verzweiflung immer noch ungeheuer lebendig.

Spieglein in der Hand: Wie bleibt man Clown in diesem Land?
Ansichten eines Rebells frei nach Böll / Brillante Darstellung

-cv- Greven. Der Clown ist ein Verlierer. Ein Außenseiter, ein Unangepasster. ein Hungerleider. Sitzt da in seiner schäbigen Garderobe und wartet darauf, in die Arena geführt zu werden. Als Hofnarr und Possenreißer. Seine wirklichen Ansichten hat noch nie jemand hören wollen. Einen provokativen Clown, einen. der gegen jede Humor-Ordnung verstößt, kann man nicht brauchen. Also fiel das Urteil der Gesellschaft einstimmig aus: Pfui. pfui - und nochmals pfui! Das Publikum im Geschwister-Scholl-Jugendheim sah's genau umgekehrt: Applaus für Rudi Rhode Applaus für eine ausdrucksvolle und zeitgemäße Umsetzung des Heinrich-Böll-Klassikers ,.Ansichten eines Clowns".

Der ehemalige Grevener Rudi Rhode. Schauspieler und Pantomime, glänzte im Wechselspiel der Charaktere. In 65 Minuten mimte er den Melancholischen und den Faxenmacher, den Zynischen. den Mächtigen. den Millionenschweren. den Ordnungsliebenden, den Freiheitskämpfer, den Verachtenden.

Der Clown in der Garderobe packt den großen Koffer aus. Eine Flasche Wodka ist darin, eine Maske ein Spiegel. Den hat er der Gesellschaft vorgehalten, immer wieder. Und jetzt sieht er sich selbst darin - einen Mann, den keiner liebt: "Der Clown ist erledigt, am Ende." Sein lebenslanger Kampf gegen Ordnung, Normen und Anpassung war ein Kampf gegen Windmühlen. Oder doch nicht? Immerhin blieb er sich selbst treu, wurde Clown statt .,staatlich geprüfter Pantomime". Wurde Rebell statt Poet, vorlaut statt stumm.

Aber der Preis war hoch: Die Eltern, der Vater Millionär (,.Tschuldigung Vater, Multimillionär"), die Mutter Opportunistin, sagten sich von ihm los. Die Freundin Marie lief mit einem anderen in den sicheren Hafen der Ehe ein. Dem Clown blieb die innere Freiheit - und die äußere Armut: "Clown mit noch einer Mark in der Tasche zu versteigern - zum ersten, zum zweiten . .

In der zum Schauplatz des eigenen Lebens verwandelten Garderobe betritt der Vater die Bühne. Die Münze als Monokel, der erhobene Zeigefinger als Markenzeichen. "Geld macht frei", trichtert er dem Sohn ein. „Man muss investieren, anlegen, auf die hohe Kante legen." Dann die Mutter: "Mein Sohn, ich muss mich von dir lossagen." Und Marie mit ihrem Neuen vor dem Traualtar: "Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau."

Das tägliche Leben abseits des Clowns, läuft in Ordnung, in bester Ordnung. Ihm allerdings bleibt der gerade Weg bis zum Schluss zuwider. Seine Liebe hat er verloren, in seinem Leben geht's bergab, aber die innere Unabhängigkeit gibt er nicht her. Der Außenseiter, der Unangepasste, der Hungerleider lässt sich auch am tiefsten Punkt nicht die Fesseln der Gesellschaft anlegen. Ihn hält keiner zum Narren. Der Clown ist ein Gewinner.

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