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"Volles Rooäää!!!
- Fäkalstau in Knöllerup" Der neue Werner-Film
Moped, Suff und Männerbanden
Das Werner-Syndrom! Kenn ich, denn vor 18 Jahren, als alles anfing und Rötger
Feldmann (Brösel) die ersten Werner-Bücher herausbrachte, war ich gerade
Bikerbraut. Allerdings auf einer Harley - zuerst war es eine Panhead, dann
eine Soft-tail, falls das wen interessiert - und nicht auf einer Horex:
ein Apparat, der auch damals schon selten vorkam. Die Harleys hatten der
Horex
gegenüber den Vorteil, dass sie hinten eine Sissibar hatten, das ist der
Ort, auf dem die Braut sitzen durfte. Kontaktanzeigen in den ansonsten
komplett geisteskranken Bikerblättern beziehen sich, nebenbei gesagt,
nicht in erster Linie auf das Aussehen der Damen - geschweige denn auf
irgendwelche charakterlichen Eigenschaften - sondern auf das Körpergewicht
der potentiellen Begleiterinnen. So ist das!
Frauen spielten und spielen allerdings keine große Rolle und schon gar
keine führende. Gewiss, man hat seine Schlampen oder Hühner dabei, (Hühner
sind Schlampen unter 20) und auf jedem Bikertreffen ist eine Tittenschau
unerläßlich, aber der Sexualkram ist Nebensache; die Hauptsache bleibt
das Moped, der Suff, die Drogen und die Männergemeinschaft. Oder
umgekehrt. Bei
Werner ist das alles ähnlich, nur fallen da die Drogen weg. Werner ist da
sauber.
Ein gewisser Alkoholpegel läßt zwar sexualisiertes Gedankengut
hochkommen, das ist aber auch das einzige, was hochkommt - mit einer
Inszenierung hapert es im allgemeinen aus physiologischen Gründen, was
jedermann nachvollziehen kann.
Flach mit action
Jetzt zum Film "Volles Rooäää!!! - Fäkalstau in Knöllerup".
Vorweg noch zwei Bemerkungen:
1. Ich bin keine Filmkritikerin. Dafür müßte ich ja ab und zu mal ins
Kino gehen und das tue ich nur, wenn ich dafür bezahlt werde.
2. Nicht vergessen: Sie und ich sind nicht die Zielgruppe.
Handlung: Kapitalist Gündelsen will die Häuser in der Hafenstraße (das
kommt mir ja bekannt vor) mit verbrecherischen Machenschaften abreißen,
um ein Shopping-Center an deren Stelle zu setzen und bedient sich dabei
der Hilfe von Polizei und Skinheads. Die Bewohner, eine Rockerbande
inclusive Präsi, Werner und dessen Chef Röhrich wissen das zu
verhindern.
Werners Welt ist eine Welt, die völlig in sich geschlossen ist, wie in
"Herr der Ringe". Und auch hier soll sie vor dem Bösen gerettet
werden und sie wird es. Aber ob Hobbits oder debile Alkoholiker das
wirklich bringen? Ich weiß ja nicht...
Über Animation und so`n Zeugs weiß ich auch nichts. Die scheint mir
tipp-topp zu sein. Es geht immer munter voran, mal sieht man alles von
oben, dann von unten, von der Seite... Langeweile kommt jedenfalls nicht
auf. Alles 1a und prima. ich schätze, das ist gut gemacht worden. In den
Filmstudios von Köln, Berlin und Saigon. Saigon kommt mir auch irgendwie
bekannt vor.
Anfangs gibt es eine lange Moped-Fahrt mit Werner, die einzige Fahrt übrigens,
das wird die Moped-Freunde verdrießen, und später fliegt dann andauernd
was in die Luft und andauernd wird irgendwas kaputtgemacht und dabei hat
man die Flasche am Hals (Bölkstoff) und pisst und kotzt in regelmäßigen
Abständen und zum Schluss ist alles vollgeschissen. Gut, dass es noch
keine Riechfilme gibt. "Flach mit action" soll Feldmann in einem
Interview mal gesagt haben. Dem kann man nur mit vollem Herzen zustimmen.
Als Komik getarnte Idylle männlicher Regression
Ist aber doch ein Klasse Film. Falls man zwischen vier und viereinhalb
ist. Oder ein Mann. Kraftausdrücke aus dem Sexualbereich halten sich
allerdings in engen Grenzen. In den Grenzen der freiwilligen
Selbstkontrolle. Weil man an das Klingeln der Kinokassen dachte, schätze
ich, und in dem Zusammenhang daran, daß Papa auch den 8-jährigen
mit ins Kino nehmen und dann hinterher nicht in Erklärungszwang geraten
soll. In der deutschen Kleinfamilie ist ficken immer noch tabu, während
vom Enkel bis zur Großmutter übers Scheißen prima gemeinsam abgelacht
werden darf. Weil nämlich hierzulande noch kaum jemand in die genitale
Phase eingetreten, sondern quasi im Fäkalstau steckengeblieben ist. Der
einzige Scherz in der Fickrichtung ist dementsprechend kinderfreundlich,
d.h. die "Kids", wie es ja neuerdings heißt, verstehen ihn
nicht, falls sie nicht sowieso schon versaut sind: Kapitalist Gündelsen lädt
seine Sekretärin zu einer "Spritztour" ein. Harhar. Falls auch
die Väter ihn nicht verstanden haben sollten, wird dieser Spaß
dann noch zweimal wiederholt.
Was aber beide bestimmt sehr gut verstehen, sind die drei Szenen, in denen
der Wunschtraum des Kleinkindes erfüllt wird: Die Bösen ersaufen zunächst
in nassem Beton, dann in heißem Teer und zum Schluß in Kacke.
"Eine als Komik getarnte Idylle männlicher Regression" schreibt
Seeßlen in Konkret 9/96 über das Werner-Phänomen. Recht hatter.
Kleinbürgerliche arbeitslose Säufer
Die Männer. Die Männer kann man schnell unterscheiden in Gut und Böse.
Die Guten sind immer besoffen. Bis auf einen der Hafenhausbewohner, der
besoffen u n d böse ist und mir und mich verwechselt, was alle im
Publikum, die das nicht tun, und da gibt es ja heute schon eine Menge, zu
wahren Lachsalven hinreißen wird - ich habe es selbst erlebt. Überhaupt
ist der Erfolg der
Werner-Bücher und -filme wohl darauf zurückzuführen, dass hier ein
Humor zum Tragen kommt, der einen über die Dummheit anderer lachen und
dadurch ein wohliges Gemeinsamkeitsgefühl enstehen läßt, um es mal
milde auszudrücken; während die andere Art von Humor, vorwiegend die
angelsächsische, einem die eigene Dummheit vorführt und damit alleine läßt.
Und Meister Röhrich. Der ist gut und n i c h t besoffen. Dafür
checkt der aber auch nie was und arbeitet, ohne dass was für ihn dabei
herauskommt; eine Art nützlicher Idiot für die Rocker. Die natürlich n
i c h t arbeiten - auch Werner als Lehrling Röhrichs tut nur so als ob -
also strenggenommen kleinbürgerliche arbeitslose Säufer sind und
keinesfalls Anarchisten, wie hie
und da in Kritiken angenommen wird. Sie verarschen zwar die
obertrotteligen korrupten Polizisten und sind gegen das Großkapital, aber
nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil dieses ihnen ihre
schmuddeligen Kotzecken wegnehmen will. Diese Jungs also stellen, wie Seeßlen
es in dem o.g. Aufsatz beschreibt, Teile des Proletariats dar, das nicht
wartet, bis es aufgrund harter, ungeliebter und ausbeuterischer Arbeit den
Löffel abgibt, sondern das sich das Löffelabgeben lieber selber besorgt.
Gott ja, was besser ist, weiß ich auch nicht.
Das Zugucken beim Sichzuschütten mag ja ganz witzig sein. Witziger finde
ich, was die Obdachlosen in Amsterdam gemacht haben. Sie haben an ihrem
Asyl ein Riesenschild aufgehängt, das alle, die die Ausfallstraßen nach
getaner Arbeit passieren, lesen müssen:"Na Ihr Idioten? Wieder schön
gearbeitet heute?"
Alles Votzen außer Oma
Die Frauen. Ja, die kommen vor, aber man vergisst sie gleich wieder: Eine
nicht sehr ansprechende Kneipenwirtin, dazu noch reaktionär, d.i. sie
gibt darbenden Alkoholikern keinen Kredit mehr; eine Oma; zwei spießige
Hausfrauen und eine aufgebrezelte Sekretärin. Letztere soll wohl das
Weibliche per se darstellen, hat aber die erotische Ausstrahlung einer
toten Miezekatze bzw.
Gummipuppe, und so sieht sie auch aus.
Durchweg unsympathische Figuren bis auf eine Ausnahme: Oma. Eine Oma,
nicht etwa eine Mama, wie sie einem in der bekannten Karikatur begegnet,
wo sowas wie ein Riesensäugling ein Tattoo auf seinem Bizeps spazierenträgt:
"Alles Votzen, außer Mutti". Nein, Mutti ist noch zu nahe dran
am Rein-Raus, Oma aber ist jenseits von Gut und Böse und damit lieb und
ungefährlich und kein Gegenpart zum ungebremsten Männerwahn.
Kein Bölkstoff mehr
Wie man hört, zeichnet Rötger Feldmann kaum noch selbst, sondern läßt
zeichnen. Da wird dann in der übrigen Zeit vermutlich zusammen- und
auseinandergeschraubt und herum"gekachelt". Und ein Drehbuch
geschrieben und dann auf PR-Tour gegangen. Früher konnte man Rötger
& Bruder in der Öffentlichkeit nur mit Bölkstoff in der Hand
ausmachen, so wie Gunter Gabriel ohne einen Lkw im Hintergrund nicht
denkbar gewesen wäre. Die Sauferei scheint aber heute mehr oder weniger
eingestellt worden zu sein, denn "Flasch Bier" steht zwar noch
auf dem Tisch, aber bei Signierstunden und auf dem Werner-Cross-Rennen kürzlich
in Schwerin sieht man die Herren Feldmann und Crew nur noch mit
Mineralwasser. Pikant übrigens, dass dieser Crosslauf für
"Kids", an dem mehrere Tausend Kinder und Jugendliche
teilnahmen, von den Ordnungskräften Schwerins unter dem Motto "Sport
statt Gewalt" organisiert wurde. Und zwar aus ihrem Fonds für Öffentlichkeitsarbeit.
Das Harald-Juhnke-Syndrom
Für die volle Identifikation mit Werner & Konsorten ist außerdem
einfach zuviel Geld da. Was die Anhänger Werners nicht stören wird, denn
sie brauchen ja den Traum, dass "einer wie wir" das große Geld
machen, wie nicht ganz gescheit saufen und trotzdem am Leben bleiben kann
(das
Harald-Juhnke-Syndrom), und dieser Irrtum wird unterstützt durch
Interviews, die so lauten:
Frage: Was ist das Geheimnis von Werner?
Rötger F. : Werner macht was er will. Die meisten Menschen dagegen
machen, was andere wollen. Werner ist das gute Beispiel, dem keiner folgen
kann oder sich nicht traut zu folgen. Davon träumen tun sie aber alle.
Frage: Und wie macht ihr das?
Rötger F.: Wir machen, was Werner will
Frage: Und wer ist Werner?
Andi F.: Wir! zwei verrückte Vögel um den Schädel. Das ist nett
Nun, das sind sie keineswegs, aber sagen Sie`s nicht weiter.
Und trotz und alledem: Es ist schon genial, wie Werner vorbei am
Feuilleton seit 18 Jahren die Masse der Bauarbeiter auf seine Seite
gebracht hat. Das hat was. Da kommt doch eine klammheimliche widernatürliche
Freude auf. - Schappoh!
Übrigens: Dem Schipper fliegen, statt dass er weiße Mäuse sieht, |