| Das Kaninchen Das Kaninchen wollte wachsen. Gott versprach
ihm, er wolle es größer machen, wenn es ihm ein Tiger-
und ein Affenfell, eine Eidechsen- und eine Schlangenhaut
beschaffe. Und es lief tiefer in den Wald, in das Gebiet der Zapoteken Unter einem Baum, auf dem ein Affe saß und fraß, blieb es stehen. Es nahm ein Messer und hieb sich mit der stumpfen Seite auf den Hals. Bei jedem Schlag lachte es schallend Nachdem es sich eine ganze Weile geschlagen und gelacht hatte, ließ es das Messer liegen und hoppelte davon. Es hockte sich zwischen Zweigen versteckt auf die Lauer. Der Affe sprang auch sogleich herunter. Er begaffte das Ding, das zum Lachen reizte, und kratzte sich am Kopf. Er hob das Messer auf, hieb sich einmal damit gegen den Hals und stürzte enthauptet zu Boden. Zwei Tierhäute fehlten noch. Das Kaninchen bat die Eidechse, mit ihm Ball zu spielen. Der Ball war aber aus Stein. Er traf die Eidechse am Schwanzansatz und warf sie um. Bei der Schlange stellte das Kaninchen sich schlafend. Als die Schlange eben Schwung holte, um loszuschnellen, krallte es ihr in einem Hui die Nägel in die Augen. Nun begab es sich mit seinen vier Häuten in den Himmel. Jetzt mach mich größer", forderte es. Gott dachte: Was hat das Kaninchen nicht alles vollbracht, obwohl es so klein ist! Was wird es erst anstellen, wenn ich es größer mache? Ist das Kaninchen groß, bin ich vielleicht nicht mehr Gott." Das Kaninchen wartete. Gott trat sanft auf es zu, streichelte seinen Rücken, packte es dann unvermutet an den Löffeln, wedelte es durch die Luft und schleuderte es auf die Erde. Seitdem hat das Kaninchen lange Ohren und kurze Vorderläufe, denn die mußte es vorstrecken, um den Aufprall abzufangen. Und seitdem hat es auch Augen, die rot sind vor Angst. |
| Der Alligator Der Sonnengott der Macusi hatte Sorgen. Die Fische in den Teichen nahmen ab. Er übertrug dem Alligator die Aufsicht. Da wurden die Teiche vollends leer. Der Alligator, Wächter und Dieb zugleich, dachte sich eine hübsche Geschichte von unsichtbaren Räubern aus, aber der Sonnengott glaubte ihm nicht. Er nahm seine Machete und hieb so lange auf den Alligator ein, bis dessen Leib kreuz und quer zerschnitten war. Um den erbosten Sonnengott zu beschwichtigen, bot ihm der Alligator seine schöne Tochter zur Ehe an. Ich erwarte sie", sagte der Sonnengott. Da der Alligator aber gar keine Tochter hatte, schnitzte er in den Stamm eines wilden Pflaumenbaums eine Frau. "Das ist sie", verkündete er, glitt ins Wasser und schielte nur noch heraus, so wie er heute noch schielt. Der Specht rettete ihm schließlich das Leben. Bevor der Sonnengott kam, hackte er dem hölzernen Mädchen den Unterleib auf. So war das bis dahin unvollständige Mädchen offen für den Einzug des Sonnengottes. |
| Die Fledermaus Als die Zeit noch ganz jung war, gab es auf der Welt kein häßlicheres Tier als die Fledermaus. Die Fledermaus flog zum Himmel und wollte zu Gott. Sie sagte nicht zu ihm: Ich habe mein garstiges Aussehen satt. Gib mir bunte Federn." Nein, sie sagte: Gib mir doch bitte Federn. Ich friere mich noch zu Tode." Gott hatte aber keine einzige Feder mehr übrig. Soll dir jeder Vogel eine Feder abgeben", beschied er. So bekam die Fledermaus eine weiße Feder von der Taube, eine grüne vom Papagei, eine buntschillernde Feder vom Kolibri, eine rosa Feder vom Flamingo, eine rote Feder aus der Haube des Kardinalsvogels, eine blaue aus dem Rückengefieder des Eisvogels, eine lehmbraune aus der Adlerschwinge und die sonnengelbe Feder, die auf der Brust des Tukans brennt. Reich mit Farben und Flaum ausgestattet, flog die Fledermaus zwischen Erde und Wolken spazieren. Wo immer sie hinkam, jauchzte die Luft und verstummten die Vögel vor Bewunderung. Die Zapotekenvölker erzählen, aus dem Echo ihres Flugs sei der Regenbogen entstanden. Aber vor Eitelkeit schwoll ihre Brust. Sie sah auf die anderen herab und äußerte sich beleidigend über sie. Da versammelten sich die Vögel. Gemeinsam flogen sie zu Gott. Die Fledermaus verhöhnt uns", klagten sie. Außerdem frieren wir wegen der fehlenden Federn." Als die Fledermaus am nächsten Tag wieder mit den Schwingen schlug, war sie mitten im Flug plötzlich nackt. Ein Federregen ging auf die Erde nieder. Noch heute sucht die Fledermaus nach ihren Federn. Blind und unansehnlich, eine Feindin des Lichts, haust sie versteckt in Höhlen. Sie wagt sich erst hervor, wenn die Nacht hereingebrochen ist, und jagt dann ihren verlorenen Federn nach. Sie hält nie an in ihrem pfeilschnellen Flug, weil sie sich schämt, gesehen zu werden. |
| Die
Schildkröte Als die Wasser der Sintflut fielen, war das Tal von Oaxaca ein Schlammpfuhl.Eine Handvoll Lehm wurde lebendig und lief. Ganz gemächlich lief die Schildkröte. Sie reckte den Hals vor und hielt die Augen weit offen, denn sie entdeckte die Welt, die die Sonne soeben neu erstehen ließ. An einer Stelle, an der es stank, erblickte die Schildkröte den Geier, der gerade Aas fraß. "Bring mich in den Himmel", bat sie ihn. "Ich will Gott kennenlernen". Der Geier ließ sich lange bitten. Die Toten schmeckten zu gut. Die Schildkröte steckte zum Betteln den Kopf aus dem Panzer, zog ihn aber gleich wieder zurück, weil sie den Gestank nicht aushalten konnte. "Du hast doch Flügel, bring mich hin", bettelte sie. Endlich hatte der Geier das Gezeter satt, lud sich die Schildkröte auf den Rücken, breitete seine gewaltigen Schwingen aus und schwang sich in die Luft. Sie flogen durch Wolken, und die Schildkröte jammerte mit eingezogenem Kopf: "Igitt, riechst du übel!" Der Geier stellte sich taub. "Igitt, stinkst du faulig!" wiederholte die Schildkröte. Und so bohrte sie weiter, bis dem garstigen Vogel die Geduld riß. Er neigte sich jäh und warf die Schildkröte ab. Gott aber stieg vom Himmel herab und setzte ihre Teilchen wieder zusammen. Darum sind an Schildkrötenpanzern bis heute Flickstellen zu sehen. |
Die Fabeln sind entnommen:
Eduardo Galeano: Erinnerungen an das Feuer, Band 1
"Geburten"
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1983