HAU AB
DU ANGST
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zum "Musiktheater Springinsfeld"
Die zentralen Aussagen des Stückes
l. daß Kinder ein Recht auf Ihren Körper haben, wie jedeR andere auch, und daß sie daher ihnen unangenehme Berührungen ablehnen dürfen, daß sie also ein Recht auf ihr 'NEIN' haben und darauf, damit ernstgenommen zu werden,
2. daß bei Übertretungen des aus- oder unausgesprochenen 'NEINS' durch Größere und Erwachsene nicht sie die Schuld und Verantwortung tragen, sondern die Täter,
3. daß es Unterschiede zwischen Geheimnissen gibt, und daß Kinder "schlechte" Geheimnisse, wie das des sexuellen Mißbrauchs, nicht für sich behalten brauchen,
4. daß betroffene Kinder nicht alleine bleiben müssen, daß sie Auswege, Freunde und vielleicht Hilfe finden werden,
5. daß betroffene Kinder nicht alleine betroffen sind, daß es anderen geht, wie ihnen.
Diese Aussagen sind zwar an sich schon wertvoll. Doch sind sie auf eine Vertiefung in einer Nachbereitung durch die Bezugspersonen angewiesen. Insbesondere die Angebote "schlechte" Geheimnisse weitersagen zu dürfen und vielleicht sogar Hilfe zu bekommen, sind nur dann ehrlich, wenn auch nach dem Theaterbesuch Menschen, Bezugspersonen, bereit sind dazu, das eventuell in Bewegung gekommene aufzugreifen.
Um den Einstieg in die Nachbereitung zu erleichtern, haben wir einige Anregungen zusammengestellt, wie in Spielen und Gesprächen mit den Kindern Themen und Motive aus 'Hau ab Du Angst' aufgegriffen werden können, um dann die Brücke zu schlagen zu eigenen Erfahrungen und Erlebnissen der Kinder (und Erwachsenen), und um gemeinsam und spielerisch nach neuen eigenen Verhaltensmöglichkeiten zu suchen.
Bei der gesamten Arbeit gegen sexuellen Mißbrauch, also auch bei dem Besuch unseres Stückes und der Nachbereitung, kann es passieren, daß Menschen plötzlich mit einem Wust von Gefühlen konfrontiert werden und vielleicht schneller damit überfordert sind, als sie zuvor dachten. Um in so einer Situation keine Fehler zu machen, die meistens zulasten des betroffenen Kindes gehen, ist es nötig, Kontakt mit den örtlichen Selbsthilfe-Gruppen oder/und professionellen Beratungsstellen aufzunehmen.
Manche LehrerInnen halten es für richtig, mit ihrer Klasse den Theaterbesuch vorzubereiten, etwa, indem sie schon einmal sanft in das Thema einführen. Das ist Ihre Entscheidung, für notwendig halten wir es nicht, da das Stück selber als Anstoß und Einstieg konzipiert ist. Für notwendig halten wir hingegen, daß die Erwachsenen sich vorbereiten. Wie etwa würden Sie sich verhalten, wenn ein Kind Ihnen seine Not signalisiert? Unser Stück hat keinen `aufdeckenden' Charakter. Betroffene Kinder werden i.d.R. auch nach der Aufführung ihr schlimmes Schweigen wahren. Was aber, wenn sich Ihnen doch mal ein Kind öffnet? Reden Sie mit KollegInnen über diese Frage.
Auch werden die Kinder Sie in der Nachbereitung möglicherweise fragen, warum der Onkel Lotte das angetan hat, obwohl er sie doch liebhatte. Wie wollen Sie Kindern erklären, daß bei insbes. männlichen Erwachsenen mitunter Zuneigung und die Lust, eine Person zu beherrschen, zu besitzen und zu erniedrigen sich nicht ausschließen? Sie werden feststellen, daß es hierauf imgrunde keine 'richtige' Antwort gibt. Es würde nichts helfen, eine solche Frage an die Kinder zurückzudeligieren, etwa: "Ja, warum glaubt ihr denn, daß der Onkel das trotzdem macht?" Kinder werden, was sie ehrt, darauf keine Antwort finden. Reden Sie mit KollegInnen auch hierüber. Falls Sie für sich die weitergehende Auseinandersetzung mit dem Thema suchen, so sei nach wie vor das Handbuch von Ursula Enders (Hrsg.) empfohlen: Zart war ich bitter war es.
l. Mit den Kindern zu lernen, eigene Gefühle auszudrücken, und auszusprechen.
2. Berührungen unterscheiden zu lernen, "angenehm" und "unangenehm" zu bezeichnen und sich dabei auf das eigene Gefühl zu verlassen.
3. Unangenehmes (z.B. unangenehme Berührungen) mit einem entschiedenen "NEIN" abzulehnen.
4. Den Unterschied zwischen "guten" und "schlechten" Geheimnissen kennenzulernen und zu erfahren, daß die, die eine/einen belasten, niemand für sich behalten muß.
5. Die weitere Enttabuisierung des sexuellen Mißbrauchs mit voranzutreiben und so betroffenen Kindern aus ihrer Isolation zu helfen.
Genauso wichtig für die Nachbereitung ist, was wir auch mit unserem Stück versucht haben: daß die Auseinandersetzung in einer heiteren und ermutigenden Athmosphäre stattfindet - nicht in Düsternis und Verzweiflung, in die mensch sich angesichts der Grausamkeit und Gemeinheit des Themas leicht fallen läßt. Wir sind davon überzeugt, daß die Spiele und Gespräche mit den Kindern aufregend und schön sein können, wenn sie von gegenseitiger Neugier und Ehrlichkeit (auch sich selber gegenüber) getragen werden.
Bei allen Spielen und Gesprächen gilt selbstverständlich, daß alle Kinder selber entscheiden dürfen, ob und wie sie daran teilnehmen wollen. Im Übrigen sind unsere Vorschläge eng an die Broschüre zur präventiven Praxis "Ich sag Nein" angelehnt.
* Welche Gefühle erlebt Lotte in 'Hau ab Du Angst'? Wie könnte mensch sie nennen, welche waren schöne und welche waren unangenehme Gefühle?
* In kleinen Gruppen können Kinder versuchen diese Gefühle anhand von Situationen aus dem Stück oder anhand eigener Erinnerungen nachzuspielen.
* Zu nennen wären hier zum Beispiel die Freude auf die Ferien, die Hilflosigkeit gegenüber dem ekligen Angefaßtwerden, die Einsamkeit danach, die Angst vor der nächsten Nacht, die Hoffnung auf den gemeinsamen Plan, die gemischten Gefühle, sich von dem Onkel trennen zu müssen und schließlich der Spaß an der Froschprinzessin.
* Zu allen Gefühlen lassen sich Bilder malen, die nicht unbedingt auf die Situationen des Stüc.ks bezogen sein müssen.
* Nachher können die Kinder über ihre Bilder sprechen:
- was ist darauf zu sehen?
- warum ist das Bild so gemalt worden?
*Was haben die Kinder in den beiden "Nacht-Szenen" gesehen? Was macht uns so alles Angst?
* Zu allem, was Angst macht, lassen sich Bilder malen. Diese Angstbilder werden nachher in kleinen Gruppen besprochen. Daraufhin werden Mutbilder gemalt: "Was hilft mir gegen Angst?"
* In Rollenspielen werden Angstsituationen'durchgespielt. Im Gespräch danach wird überlegt: "Was kann ich gegen die Angs` tun Danach wird durchgespielt, "Was ich alles gegen die Angst tun kann."
* Die Kinder können das "Lied vom keine Angst haben" (siehe unten) lernen und miteinander singen.
* Was gibt es für Berührungen? (Hauen, küssen, beißen ...) Welche sind eher angenehm, welche unangehm? Welche Berührungen können wir bei der einen Person genießen, obwohl sie uns bei einer anderen Person unangenehm sind?
* wo waren im Stück schöne Berührungen (z.B. zwischen Frosch und Lotte oder als Onkel Lotte tröstet), und welche waren unangenehm?
* Die Kinder können sich in kleinen Gruppen Berührungen wünschen und sie ausprobieren, wenn sie das wollen.
* Kinder können Figuren (z.B. ihren eigenen Schattenriß) ausschneiden und anmalen. Dann können sie auf die Figur bezogen erzählen, welche Körperteile wann berührt werden (z.B. Haare beim Kämmen, Bauch beim Streicheln, Schwänzchen beim waschen ...) und wie sich das anfühlt. Dabei sind Schamgrenzen der Kinder unbedingt zu respektieren.
* Die Nein-Sag-Spiele von Fröschin und Lotte können nachgespielt werden: die Fröschin läßt sich von Lotte kitzeln, bis sie so laut und bestimmt "Nein" sagt, daß Lotte sich erschreckt und aufhört.
* Frosch sagt: "Küß mich!" Lotte: "Nein, ich will das nicht!" Das wird immer lauter, bis beide in den Ich-will-das-nicht-Tanz einfallen.
* Wo gab es Situationen, in denen die Kinder gerne "Nein" sagen wollten und sich nicht getraut haben? Sie können diese Situationen nun nachspielen und ihr "Nein" laut und entschieden nachholen.
* Nein sagen kann auch Spaß machen und befreien. Alle können zusammen immer lauter und fröhlicher werden: "Nein, ich will das nicht!", bis ein vielstimmiger schriller Chor entsteht.
* Lotte hatte verschieden Geheimnisse. Welche waren es? (das Versteck des Frosches, die Nächte...) Welches war gut und welches war schlecht? Warum? Worin unterschieden sie sich?
* Die Kinder bekommen Geheimnis-Geschichten erzählt und denken ctemeinsam nach, welches Geheimnis gut und welches schlecht sein könnte. zB..
- Überraschungsgeschenke, von denen der Beschenkte vorher nichts erfahren soll
- ein Kind nimmt einem anderen ein Spielzeug weg und droht mit Schlägen, das nicht zu verraten.
- ein Teller fällt runter und geht kaputt
- ein Erwachsener streichelt und küßt ein Kind und sagt dann, es dürfe das niemandem weitersagen
* Wem würden die Kinder "schlechte" Geheimnisse am liebsten weitersagen?