PRÄVENTION IN DER SCHULE

- "Wie merkt man eigentlich, ob einem Mädchen das passiert ist? Wenn ich an Jenny denke, bei ihr hat ja nicht mal ihr fester Freund was gemerkt."

- "Ich finde das gemein, wie der Vater Jenny ausnutzt und ihr sagt, dass sie seine Prinzessin sei und er nur sie liebe."

- "Die Mutter habe ich nicht verstanden. Wieso hat sie denn nichts gemerkt?"

- "Warum hat Jenny sich nicht gewehrt?"

Solche unterschiedlichen und für uns überraschend starken Reaktionen, die wir von sehr vielen Jugendlichen erhielten, haben uns ermutigt, mit Vor- und Nachbereitungen der "RASENSPIELE" in Schulen zu beginnen. Doch zunächst stellte sich die Frage ob es überhaupt möglich ist, das Thema "Sexueller Missbrauch" in den normalen Schulalltag zu integrieren. Ist es nicht schon schwierig genug, das Thema Sexualität im Biologie- oder Religionsunterricht anzusprechen?! Wir glauben, dass Schulfremde, die dazu noch das kognitive Lernen weniger stark betonen, eher die Chance haben, einen Zugang zu den SchülerInnen zu finden. Ein einfaches, geeignetes Mittel, um die intellektuelle Beschäftigung mit dem Thema und der körperlich - sinnlichen und der sozialen Erfahrung miteinander zu verknüpfen, ist u.a. das Spiel. Wir wollen das Gewicht wegnehmen, das auf der Frage des Missbrauchs liegt, da es eher Angst macht - und Angst lähmt - ohne verharmlosen zu wollen. Es ist wichtig, zu Beginn eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, damit sich die SchülerInnen langsam von der Beklommenheit gegenüber dem Thema befreien können.

Hier ein kurzer Bericht über unsere ersten Erfahrungen an der ersten Schule (10. Klasse Gymnasium).

Als Einstieg diente die Interpretation eines Gedichtes, geschrieben von einem betroffenen Mädchen. Einige Zeilen wurden nonverbal, nur mit dem Körper als Ausdrucksmittel, "interpretiert". Diese gemeinsame spielerische Erfahrung machte Lust auf die nächste. Anhand einer Bildfolge (Darstellung zweier Hände in Macht - und Ohnmachtsposition) wurden Dialoge entworfen und in spielerischer Form präsentiert.

Die Frage, "warum wehren sich die betroffenen Mädchen und Jungen nicht" , hat die SchülerInnen am meisten beschäftigt. Hier gilt es, persönliche Erfahrungen "ins Spiel zu bringen". Nur so betrifft es die SchülerInnen selbst, wird zu einer Auseinandersetzung mit Machtmissbrauch, so dass es vielfältige Gesprächs- und Spielanlässe gibt. Die SchülerInnen fanden Situationsbeispiele für das "N E I N S A G E N": Nein zu Berührungen, die sie nicht mögen, nein in Situationen, in denen sie sich nicht wohlfühlen. Ein Mitschüler nannte eine der wichtigsten Triebfedern für angepasstes Verhalten, "die Angst, zu enttäuschen und dann nicht mehr geliebt zu werden". Es ist spannend, den Fragen nachzugehen: Wann sage ich "NEIN"? Wie sage ich "NEIN"? Wie fühle ich mich, wenn ich "NEIN" sage ? und es war wichtig, den SchülerInnen Raum für eigene Erfahrungen und Gedanken zu lassen, d.h. feine Nuancen für widersprüchliche Gefühle nachvollziehbar zu machen.

Wir hatten das große Glück, dieses Projekt zusammen mit einer engagierten Deutschlehrerin durchführen zu können, die zum Abschluss für ihre ZehntklässlerInnen ein Informationsgespräch bei der Mädchenberatungsstelle "Kobra" initüerte. Wir haben den Mut gefasst, dieses Projekt im Sinne einer Prävention weiter auszubauen, haben mit Sozialarbeiterinnen und Erzieherinnen gesprochen, uns mit Vertreterinnen von "Wildwasser" und "Kobra" getroffen, haben auf Einladung der "Aktion Jugendschutz" eine LehrerInnenfortbildungstagung zum Thema "Sexualerziehung" mitgestaltet.

. . In der Bundesrepublik etablieren sich erst langsam Initiativen, die sich engagiert um Präventionsprogramme kümmern. In anderen Ländern wie den USA, Großbritannien und den Niederlanden sind schon ganze Netzwerke an Beratungs- und Therapiemöglichkeiten entstanden. Erwähnenswert ist das amerikanische CAPP-Programm (child assault prevention project), das wir für deutsche Verhältnisse mit unseren eigenen Mitteln umzuarbeiten gedenken.

Eltern äußern immer wieder die Bedenken, dass vorbeugende Aufklärung ihren Kindern Angst machen könne. Wir bemühen uns, Möglichkeiten zu finden, wie das Gespräch erleichtert werden kann, versuchen spielerisch das Selbstbewusstsein von Mädchen und Jungen zu stärken, nicht Misstrauen und Angst zu erzeugen, sondern die Fähigkeiten der Kinder zu stärken.

ERMUTIGUNG

Über Tabuthemen zu sprechen ist nicht jedermanns Sache, weder in den Familien noch in den Klassenzimmern. Nur: Es gibt Tabuthemen, die uns alle angehen oder angehen sollten. Das Thema Inzest zum Beispiel. 300 000 Kinder und Jugendliche, die nach Schätzung des Bundeskriminalamtes jährlich missbraucht werden, sind kein Pappenstiel. Und die Dunkelziffer kennt niemand. Die Klasse 10rb des Gymnasiums Korntal- Münchingen hat sich mit erstaunlichem Engagement dieses Themas angenommen und hat bei den Besuchen im Irrlichttheater und bei Kobra, vor allem bei den Diskussionen darüber, ganz zentrale Themen entdeckt, die für sie selbst bestimmend sind: Beispielsweise die Problematik der "richtigen" Distanz oder auch der "richtigen" Nähe im Umgang mit anderen Menschen, das Recht auf Selbstbestimmung oder der Mut, nein zu sagen. Denn der Inzest ist ja nur die Extremform eines Missverhältnisses der genannten Variablen.

Ganz schön viel für den Rahmen einer Schule. Die Reaktionen der Zehntklässler, Buben wie Mädchen, haben auch gezeigt, dass dies wichtige Themen sind, und dass sie dem Gespräch darüber gewachsen sind. Respekt.

Stuttgarter Zeitung, 23.7.1990

BRIEF EINER SCHÜLERIN

"Rasenspiele, ein Theaterstück, das so einfühlsam gespielt wird, dass ich abends, nach der Aufführung, aufgewühlt aber gleichzeitig total beruhigt war.

Aufgewühlt, weil ein junges Mädchen - 14 vierzehn! - Jahre lang gedemütigt und erniedrigt wurde; man nahm ihr ihre Ehre, ihren Stolz, ihre Jungfräulichkeit. Und warum nahm man es ihr? Aus Egoismus. Aus Lusttrieben. Aus falschgedeuteter Liebe, die nichts anderes als perverse Befriedigung war. Ihr eigener Vater tat es ihr an. Er wollte nur das Beste für sie und dachte nur an sich selber. Aber ich kann ihn noch nicht einmal dafür hassen; ich habe bloß unendliches Mitleid mit ihm. Er hat sich jahrelang selber betrogen, denn er hat etwas Erzwungenes als freiwillige, selbstlose Liebe, als Hingabe gehalten. Und er hat sie seelisch zerstört. Sie hatte nie einen Vater, ihre Jugend wurde durch Angst zum Alptraum, sie wird es nie vergessen können. Sie hat es verdrängt, weil es zu schwer für sie alleine war. Aber Hilfe bekam sie von keinem. Selbst vom Freund nicht, der sagte, er würde sie lieben. Allein muss sie da durch und weiß oft selber gar nicht, dass all ihr Tun, Denken und Handeln nur von dem einen bestimmt wird. Beruhigt deshalb, weil ich dachte, ich stehe selber auf der Bühne. Denn was Jenny sagte, waren meine Worte. Was Jenny fühlte, waren meine Gefühle. Wenn Jenny weinte, waren es meine Tränen. Denn ich wurde mit 14, 15 von meinem Bruder sexuell misshandelt und nun mit 20 weiß ich, dass ich mit meinen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen normal bin, und nicht eine Sache aufbausche, übertreibe oder selber wahnsinnig bin. Ich bin völlig normal, so wie Jenny - von außen jedenfalls. Und so wie sie, muss ich zu meiner Vergangenheit und meinen Gefühlen stehen und beides in den Griff bekommen. Sie hat es geschafft - und das macht mir Mut."

WARUM WERDEN KINDER HEUTE
IMMER NOCH SEXUELL MISSBRAUCHT?

Immer noch betrachten Eltern ihre Kinder als ihr persönliches Eigentum.

Immer noch erziehen Eltern ihre Kinder zum (absoluten) Gehorsam gegenüber Autoritätspersonen, wobei sie sich selbst zuerst meinen.

Immer noch erwarten Väter, dass ihren Anordnungen gefolgt wird, dass Frauen und Kinder ihren, wie auch immer gearteten Ansprüchen genügen.

Immer noch gilt Harmonie in der Familie als höchstes Gut, egal wie stark die einzelnen Familienmitglieder darunter leiden.

Immer noch werden Mädchen nicht zum "NEIN"-Sagen erzogen, sondern zum Erdulden und ständigen Verständnis für den anderen.

Immer noch werden Mädchen dazu erzogen, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

Immer noch sehen Männer weibliche Menschen zunächst als Sexualobjekte, die ihnen zur Verfügung stehen.

Immer noch ist nicht das Delikt des sexuellen Missbrauchs das Tabu, sondern die Enthüllung der Tat, das Sprechen darüber.

Immer noch nehmen die Gerichte die Aussagen der Mädchen nicht ernst; der für sie mögliche Täter erhält von vornherein mehr Vertrauen.

Immer noch erkennen Gerichte erst dann den sexuellen Missbrauch als zu ahndendes Delikt an, wenn die körperlichen Folgen unübersehbar geworden sind. Immer noch werden Verfahren nicht eröffnet oder niedergeschlagen oder mit einer geringen Strafe beendet, je enger der Verwandtschaftsgrad zwischen Täter und Opfer ist.

Wildwasser Marburg e.V., Gegen den sexuellen Missbrauch von Mädchen, Marburg 1990, Seite 28.

SICH TRAUEN, AUCH MAL NEIN ZU SAGEN

Zuerst hatten die Zehntklässler aus dem Gymnasium Korntal-Münchingen nur vor, ein Theaterstück zu besuchen: die "Rasenspiele" des Irrlichttheaters im Stuttgarter Westen. Doch dann erwies sich die darin aufgezeigte Thematik, der Inzest zwischen Vater und Tochter, als so wichtig und fesselnd, dass man die Hauptdarstellerin des Einpersonenstücks, Marika Röther, zur Diskussion in den Unterricht einlud und einen Besuch bei der Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Mädchen, Kobra, daran anschloss. "Für die Zehner waren diese Themen ein richtiger Hammer", berichtete ihre Lehrerin. So groß die Betroffenheit war, die Marika Röther mit ihrem Theaterstück auslöste, so konnte sie doch in der gemeinsamen Diskussion aufs fruchtbarste umgesetzt werden. Ums Neinsagen ging es und ums Nicht-sehen-Wollen von Problemen.

"Oft ist es wohl so", schreibt Silke aus der 10 b, "daß wir uns vielfach nicht trauen, nein zu sagen. entweder, weil die Eltern schockiert wären. oder weil es uns einfach unser Pflichtgefühl verbietet. Hier ist die Ursache wohl in der E:rziehung zu suchen. Viele Leute wollen auch nur einer Diskussion aus dem Weg gehen., indem sie das erwartete Ja sagen. Es ist der leichtere und unkompliziertere Weg. Wir werden auch schnell unsicher, wenn die öffentliche Meinung ja sagt. Wir denken, was alle sagen, muß richtig sein. Wir wollen lieber anonym bleiben, in der großen Masse schwimmen und nicht auffallen."

Mitschüler Tom nennt einen weiteren Punkt, sicherlich eine der wichtigsten Triebfedern für angepasstes Verhalten, nämlich "die Angst, zu enttäuschen und dann nicht mehr geliebt zu werden". Damit trifft Tom auch den Kern dessen, worum es in dem Theaterstück geht: Denn dank einer differenzierten und einfühlsamen Darstellung gelingt es Marika Röther, die die missbrauchte "Jenny" spielt, die Problematik nicht auf eine schwarzweißmalerische simple Täter-Opfer-Story zu reduzieren. sondern in feinen Nuancen auch widersprüchliche Gefühle nachvollziehbar zu machen und so den Jugendlichen einen Zugang auch zur Problematik von Distanz und Nähe zu verschaffen. Ganz aktuell und real haben die Zehntklässler die Problematik bei Kobra mitbekommen, wo sie erzählt bekommen. dass kurz zuvor ein zwölfjähriges Mädchen angerufen habe, weinend. Ihr Vater misshandle sie, sie sei eingesperrt, habe Angst, große Angst. dürfe seit vier Wochen wegen der Prügelflecken nicht mehr in die Schule. Nein, ihre Adresse verrate sie nicht. Trotz der zugesicherten Anonymität. Betroffene Mienen bei den Zehntklässlern. .

Stuttgarter Zeitung, Inge Jacobs