PRESSESTIMMEN
| EIN THEATERSTÜCK WILL KINDERN MUT
MACHEN, SICH ZU WEHREN "HAU AB, DU ANGST" Seit Jahren ist die Gruppe "Springinsfeld" mit ihrem Stück über sexuellen Mißbrauch von Kindern unterwegs. Ein Thema, das leider immer aktueller wird Nein, nein!" Kinder schreien aufgebracht durcheinander. "Geh nicht mit, geh nicht", lärmen sie. Lotte zögert. Ein kurzer Blick ins Publikum, dann kehrt sie um. "Hau ab, hau ab, hau ab" - mit Geschrei versuchen die Jungen und Mädchen, Onkel Doppelherz zu vertreiben. Unter ihren Jubelrufen fällt Lotte mit ihrem Lied in das Getöse ein. "Hau ab, du Angst, ich brauch' dich nicht, komm mir nicht zu nah! Ich schrei' dich an, so laut ich kann, dann bist du nicht mehr da!" singt sie laut und blitzt ihren Onkel wütend an. Der wirft ihr einen entgeisterten Blick zu und läuft davon. Nordhausen-ein kleiner Ort im Südharz. 150 Grundschulkinder haben sich an diesem Morgen auf ihren Unterricht gefreut: Ein Theaterbesuch steht auf dem Stundenplan. In der Aula des Jugendzentrums herrscht ausgelassenes Kreischen, auf jedem Stuhl wird gezappelt, was das Zeug hält. Nur die Lehrer wirken angespannt. Im Gegensatz zu ihren Schülern wissen sie, daß hier nicht einfach ein munteres Theaterstück geboten wird. Die Aufführung hat ein ernstes Thema: den sexuellen Mißbrauch von Kindern. Auf der spärlich ausgestatteten Bühne, hinter einer schwarzen Stoffwand, bereiten sich unterdessen die vier Mitglieder der Theatergruppe "Springinsfeld" auf ihren Auftritt vor: Katja, 26, die gleich zur frechen Lotte wird, schlüpft in ihre gelbe Latzhose, die 29jährige Fröschin Marianne malt sich einen kirschroten Mund, Onkel Doppelherz, Jens, 29, schmiert sich Gel ins Haar, und der 28jährige Jörg, fahrender Musikant namens Walther von der Vogelkacke, stimmt seine Gitarre. Alle vier sind Pädagogikstudenten, und alle vier sind schon seit Jahren mit ihrem Stück "Hau ab, du Angst" quer durch Deutschland unterwegs. Sie spielen für Schulkinder, aber auch für Eltern, Erzieher oder Behördenmitarbeiter. Das Stück beginnt: Lotte besucht ihren Onkel auf seinem Schloß. Unterwegs lernt sie den lustigen Walther kennen und auf dem Schloß die kecke Fröschin - die Kinder lachen fröhlich. Doch dann wird es Nacht. Es ist stockfinster, nur ein Lichtstreif fällt auf Lotte. Im Nachthemd steht sie ganz allein auf der Bühne, umklammert ihren Teddybären. Die Erwachsenen im Publikum sitzen stocksteif und still auf ihren Stühlen. Die Kinder tuscheln. Lotte beginnt wie in Trance zu sprechen: "Ist da wer? Wer ist da? Laß los! Nein, nicht! Hör auf! Geh doch weg! Ich habe Angst." "Die träumt", flüstern die kleinen Zuschauer sich beruhigend zu. Doch auch am nächsten Morgen ist der Alptraum nicht vorbei. Lotte erzählt ihrem Onkel verängstigt von Grabbelfinger, der sie nachts "ganz eklig" an den Füßen berührt hat. "Nur ein böser Traum", versichert jedoch der Onkel. Sie solle niemanden davon etwas erzählen, dann hätten sie ein kleines Geheimnis. Die Kinder werden merklich leiser. "Eine zentrale Aussage unseres Stückes ist, daß es Unterschiede zwischen guten und schlechten Geheimnissen gibt", erläutert Marianne Iser. Als Fröschin erklärt sie Lotte auf der Bühne, von schlechten Geheimnissen bekomme man Bauchschmerzen oder werde traurig. Diese Art Geheimnisse müsse man unbedingt weitersagen. Und so erzählt Lotte ihrer Freundin schließlich von Grabbelfinger. Da schlägt die Stunde der Kinder. Denn jetzt wird gemeinsam geübt, ganz laut "Hau ab" und "Ich will das nicht" zu schreien. Doch leider hilft Lotte der neue Mut auch in der zweiten Nacht nicht, denn GrabbelBnger läßt trotz ihres Rufens nicht von ihr ab. Letztlich schafft es Lotte erst mit Hilfe der Fröschin und Walther, ihren Onkel als Grabbelfinger zu enttarnen und ihn zu verjagen. Mit ihrem Stück bewegen sie sich auf einem schmalen Grat, das wissen die vier Darsteller. Sie wollen Mut machen, wissen aber auch, daß in der Realität das Neinsagen meist nicht ausreicht. Sie raten ihrem Publikum, sich Hilfe zu holen, und wissen doch, wie schwierig es für mißbrauchte Kinder ist, sich jemandem anzuvertrauen - die meisten Opfer werden von ihren Peinigern zum Schweigen verpflichtet, für die Kinder oft ein unlösbarer Konflikt. "Deswegen legen wir großen Wert darauf, daß in den Schulen eine Nachbereitung stattfindet", betont Katja Heiser; Unterrichtsmaterial liefern sie mit. .In Nordhausen hat der Kinderschutzdienst am folgenden Tag eine Extra-Sprechstunde eingerichtet. Hin und wieder kann sich "Springinsfeld" auch über Erfolge freuen. Wie über das kleine Mädchen, das nach einer Vorstellung zu ihnen kam und ganz entschieden sagte: "Mein Cousin will immer, daß ich ihn küsse. Aber das nächste Mal haue ich ihm eine runter." Sannah Koch in YOYO 2/97 |