RASENSPIELE
Eine Produktion des Irrlichttheaters
zum Thema "Sexueller Missbrauch
Jenny ist jung, frisch verliebt, nur die besten Noten auf der Uni. Aber sie klaut. Und sie lügt. Und langsam, langsam erzählt sie sich zum Kern der Geschichte vor. Jenny wird missbraucht - vom eigenen Vater, seit vierzehn Jahren. Jetzt kommt er zu Besuch, vergewaltigt sie wieder. Doch Jenny bricht das Tabu, schreit die Wahrheit heraus. Die Mutter ist schockiert, der Freund zieht sich zurück, nur die Zimmergenossin versteht sie. Jenny begreift, dass sie nicht schuld ist.
Über die Entstehung des Stückes
Wie kann man dieses Thema überhaupt auf die Bühne bringen? Mit welchen Erwartungen werden die ZuschauerInnen in unser Stück kommen? Erwarten Sie eine bedrückende Tragödie, ein parteiliches Frauenstück, ein Prob!emstück? Was wir nicht wollen: Ein depressives Stück in dem der/die ZuschauerIn vom Elend erschlagen wird. Wir wollen: Ein Stück, das durch Reduktion auf das Wesentliche, die Geschichte Jennys klar und vorsichtig näher bringt. Das Bühnenbild soll nicht bestimmte Vorstellungen und Vorurteile bedienen, ein Milieu oder eine gesellschaftliche Schicht vorführen. Die Requisiten beschränken sich auf einen Rucksack mit Keksdose und Cola-Flasche. Auf der Suche nach der Persönlichkeit Jennys begegnen wir Jennys Mutter, dem Vater, dem Freund - und schlussendlich uns selbst. Klar, Regina stellt andere Fragen als Wolfgang. Alle Fragen entwickeln sich mühsam aus dem drängenden Wunsch nach Antworten: "Jenny, magst du deine Mutter? Hat es deine Mutter gemerkt? Wolltest du, dass sie es merkt? Willst du es ihr jetzt erzählen? Was wirst du sagen?" Fragen reihen sich aneinander und werden wieder auseinandergetrieben, um Distanz zu suchen. "Jenny was träumst du?" - Antwort: "Ich segel
weg auf einem Segelschiff." "Wen nimmst du mit?" Antwort: "Tina vielleicht - und Danny." "Hast du ein schlechtes Gewissen gegenüber deinem Bruder Danny?" Antwort: "Ich hab von meinem Vater immer alles gekriegt. Ein Fahrrad, eine Stereoanlage, schicke Klamotten, alles." Diese Interviewtechnik - Wolfgang und Regina befragen Marika in ihrer Rolle als Jenny - bringt uns ein gutes Stück weiter. Hätte doch Jenny auch die Möglichkeit von soviel Fragen gehabt! Wenn es für uns schon so schwer ist, wie schwer ist es erst für Jenny, sich nicht selbst zu belügen, Fragen zuzulassen, auszusprechen, was man am liebsten vergessen würde!
"Statistik des Bundeskriminalamtes: Jährlich 300.000 Fälle angezeigt. Dunkelziffer..." Das Info-Material zum Thema "Sexueller Missbrauch" türmt sich auf unseren Schreibtischen. Das Thema unter verschiedenen Gesichtspunkten - soziologisch, psychologisch, medizinisch. Besonders beeindruckend ist eine Ausstellung von Wildwasser, Marburg. Betroffene Kinder zeichnen Bilder und Träume, kindliche Ohnmacht gegenüber einem Riesenvater... Solche Schriften geben wichtige Aufschlüsse. Aber wir freuen uns aufs Proben, wo wir wirklich verstehen, begreifen. Manchmal bewegen wir uns auch im Kreis. Wir wissen nicht mehr weiter. In diesem Stadium haben uns die Frauen von "Wildwasser", "Kobra" und "Aktion Jugendschutz" sehr geholfen. Sie haben uns erzählt, wie betroffene Frauen und Mädchen langsam das Schweigen durchbrechen, und warum sie aus Angst und Scham oder auch aus Liebe jahrelang geschwiegen haben. Welche überhörten Hilferufe sie ausgesandt haben, auf welche Reaktionen sie jetzt stoßen, da sie geredet haben. Die
Probenbesucherinnen finden in "unserer" Jenny diese Realitäten wieder. - Wir sind auf dem richtigen Weg! Und wir schaffen es, die in Improvisationen mühsam gefundenen Dialoge zwischen Jenny und ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrem Freund Robbi und ihrer Freundin Tina zurückzuerinnern und aufzuschreiben. Wir haben Jennys Monolog gefunden. Regina Hövermann Wolfgang Haupt
BRIEF DER DARSTELLERIN AN JENNY
Immer werden mir die gleichen Fragen gestellt: Warum haben Sie dieses Stück ausgewählt? Ist das Ihre Geschichte? Wie halten Sie dieses Stück bloß aus? Ich kann hier diese Fragen gar nicht beantworten, denn ich müßte einen Prozeß beschreiben, der ein Jahr gedauert hat. Vor mir liegt nun ein Wust von Tagebuchnotizen, Traum- und Probeaufzeichnungen ... Warum nicht Jenny einen Brief schreiben?
Liebe Jenny, seit ich Deine Geschichte gelesen habe, muss ich immer wieder an Dich denken. Du bist mir einfach nicht aus dem Kopf gegangen. Obwohl Deine Geschichte nicht meine ist, warst Du mir vertraut und gleichzeitig fremd. Ich wollte Dich kennen lernen. Ich kann Dich jetzt schon besser verstehen. Anfangs hat mich Deine altkluge Art abgestoßen. Aber in den Proben habe ich Dich dann mehr und mehr verstanden, dass Du es Dir nicht leisten kannst, Deinen Kopf zu verlieren. Du bist doch die, die mühelos ihre Einser schreibt. Ja, denken hast Du gelernt, Dich an den eigenen Haaren aus der Scheiße ziehen und alles läuft bestens. Du hast es ja überstanden. Bist draußen, hast es hinter Dir - bis Dein Vater eines Tages wieder auftaucht. Er steht wirklich vor Dir, es ist nicht nur ein schlimmer Traum, der Dich quält. Und Du gehst mit. Das war für mich nicht leicht zu verstehen. Ich hätte aufstehen mögen und Dich schütteln oder Dich einfach an die Hand nehmen und sagen wollen: Komm, laß ihn stehen! Aber es war niemand da. Wie so oft warst Du allein. Du bist mitgegangen, weil...? Viele Gründe fallen mir ein. Schnell aus dem Wohnheim verschwinden, kein Aufsehen erregen - aber dann die Fahrt ins Hotel... Jenny, ich glaube DU bist gar nicht mitgefahren, sondern die ganz kleine Jenny, die für ihren Vater alles tut, die sogar verschwindet im Nebel, sich auflöst, nur noch toter Körper ist, der sich nicht spüren kann. Und Du kannst nicht nein sagen. Das Neinsagen muss man üben, dazu hast Du, glaube ich, nie die Gelegenheit gehabt. Ich weiß, wie mühsam es ist, sich und seine Gefühle ernstzunehmen. Wenn man sie benannt hat, ist alles offener und klarer, aber auch schwieriger. Damit hast Du jetzt angefangen. Es war wie eine Geburt, Jenny. Ich werd es nie vergessen. Es war nicht großartig befreiend, es tat weh, weil Du Dir so sehr einen Vater gewünscht hast. Ich weiß nicht, wie es mit Dir weitergeht. Nur, Du bist nicht allein mit Deiner Geschichte' Ich wünsche Dir viel Glück, und: Danke!
Marika
Vergewaltigung - keine Frage, nicht mein Thema - sexuelle Anmache - sexistische Witze - Anmache überhaupt - ja, find ich zum Kotzen, wie selbstherrlich und frauenverachtend Männer durch die Gegend rennen. Davon kann ich mich distanzieren. Na prima! Mein Kopf kann das alles verstehen, "es macht mich betroffen". Hauptsache ich brauche mir selbst nicht zu begegnen. Und was passiert, wenn ich mich mit mehr als nur mit meinem Kopf einlasse? Ich fühle mich zerrissen in meiner eigenen 'Täter- und Opferidentität", in meinen eigenen Macht- und Ohnmachterfahrungen. Wenn ich bei Jennys Vater nachfrage? Er ist nicht der brutale "asoziale" Triebtäter , er ist ein "ganz normaler" Mann aus "ganz normalen" harmonischen Verhältnissen. Er sagt, dass er seine Tochter über alles liebt - und er vergewaltigt sie und zerstört ihr Leben. Er ist doch nicht blöd, er weiß doch was er tut. Wie weit kann er denn verdrängen und sich selbst belügen, damit er sich überhaupt ertragen kann! Es ist doch einfacher seine Tochter zu missbrauchen, als mit seiner eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit konfrontiert zu sein. Wenn ich bei Jennys Freund Robbi nachfrage? Warum verlässt er sie, als sie ihm ihre Geschichte erzählt? Er will seinen Spaß haben, ihm gehört die Welt (die Frauen). Aber nur nicht zu weit einlassen, das würde ja heißen, dass er etwas von sich preisgibt. Er will seine "Freiheit" haben , die Freiheit, Frauen für sich zu benützen. Wenn ich bei mir nachfrage? Wie oft setze ich mich selbst als Maßstab - meine Gefühle, meine Sehnsüchte, meine Lust, meine Wünsche. Wo ist die Grenze zwischen einen geliebten Menschen für sich zu benützen und dem Wunsch, Bedürfnisse gemeinsam zu leben? Und dann gibt es noch den anderen Teil in mir, in dem mir Jenny ganz nahe ist. Einer, der mit eigener Ohnmacht, mit eigenem Verletztsein zu tun hat. Ich kenne es sehr gut, das Gefühl, meiner Mutter, meinem Vater ausgeliefert zu sein - mich gegen sie nicht wehren zu können. Und wenn ich mich gewehrt habe, dann musste: "Aber wir lieben dich doch", Wir wollen doch nur dein Bestes", oder "Du bist schuld daran, daß es mir schlecht geht" herhalten. Ich habe meine Ohnmacht gespürt, konnte nichts mehr, wollte nichts mehr sagen. Es hat sie nie interessiert, was wirklich in mir vorgeht. Ich hab eine Mauer um mich gebaut, hab nichts mehr von mir gezeigt. Äußerlich war ich zwar anwesend, aber innerlich hab ich mich verweigert - hab mich und meine Gefühle ausgeblendet. Ich will damit keinesfalls meine Geschichte mit Jennys Geschichte auf eine Ebene stellen. Ich will keine Umkehrung: Männer sind ja auch nur Opfer. Im Gegenteil, wenn ich mich mit mir auseinandersetze, merke ich, wie viel ich selbst von diesen männlichen Strukturen verinnerlicht habe.
Wolfgang Haupt
DAS MEINT DIE PRESSE:
"Wenn die junge Frau Jenny auf vielen Umwegen ganz langsam ihr Problem entwickelt, daß sie jahrelang von ihrem Vater sexuell mißbraucht wurde, klingt das manchmal gezwungen optimistisch: "Ich hab ja echt noch Glück". Wenn sich dann dcr schwarzc Gang hinter ihr au(lut, wird klar, daß es sich bei dem Geschehenen um weit mehr handelt, als um eine oberflächliche Kränkung. Was passicrt ist, isl nicht sagbar. Aber es wird sichtbar durch das Spiel Marika Rölhers, die mit ihrer verkrampften Körpersprache das Problem des vergewaltigten Körpers fast intuiliv zu erfassen scheint."
Stuttgarter Zeitung
Man möchte meinen, die da vorne habe wirklich erlebt, was sie da so scheinbar locker, so ehrlich verzweifelt ausplaudert. Man hört ihre Worte und liest gleichzeitig in ihrer Seele, die ganz, ganz andere Dinge sagt... Es geht nahe, verdammt nahe. Heulen ist erlaubt. Aber das Stück drückt nicht auf die Tränendrüse...
Ausschnitte aus einem Beitrag des Stuttgarter Stadtradios, April 1990
Über eineinhalb Stunden fesselte Marika Röther ihr Publikum. ...Auch die kalte Nachluft, die das Publikum nach der Vorstellung umfing, konnte die Bilder nicht löschen, die dieses so verzweifelt realistische Stück im eigenen "Kopfkino" ausgelöst hatte.
WAIBLlNGER KREISZEITUNG
Dank des Irrlichttheaters ist der Abend zu einem Beispiel dafür geraten, wie Aufklärung gänzlich ohne zu dozieren auskommen und dennoch viele Aspekte einer komplizierten Materie ausleuchten kann.
Schwäbische Zeitung
So wenig braucht es, um Theater zu machen. Ein Stuhl, ein Rucksack, Licht, Musik, eine gute Schauspielerin wie Marika Röther. Dann rollt die Geschichte "Rasenspiele" ab, eineinhalb Stunden lang, wie der Faden vom Knäuel.
Böblinger Zeitung