| Erich Hackl: Nach der Schlacht gegen Windmühlen Mauricio Rosencof - ein Chronist des Überlebens
Wir könnten das, was des Erinnerns würdig ist, einander auch in Form von Statistiken oder als bloße Informationen mitteilen. "Aber ich sah", schreibt Mauricio, "daß Informationen, wie auch Statistiken, nicht die wahre Dimension dessen vermitteln, was sie eigentlich aussagen sollten." Mauricio Rosencof war damals, als er das sah, gerade in Amsterdam. Der niederländischen Ausgabe eines seiner Bücher lag ein Informationsblatt bei, auf dem das Schicksal Anne Franks erwähnt wurde: "Anne und ihre Schwester Margot starben im März 1945 in Bergen-Belsen an Typhus, nur einige Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslagers." Das ist eine korrekte Information, meint Mauricio, aber das ist zu wenig. An anderer Stelle stieß er auf den Bericht einer Frau, die die Typhusepidemie von Bergen-Belsen überlebt hatte. Die Frau hatte sich erinnert und ihr Zeugnis hinterlassen: "Alle in den Baracken litten an Typhus. Typhus befiel die Menschen in Bergen-Belsen in seiner gewaltsamsten, schmerzhaftesten und tödlichsten Form. Er führte zu Durchfall, der nicht mehr zu kontrollieren war. Dieser Durchfall überschwemmte die Böden der mehrstöckigen Pritschen, tropfte durch die Holzspalten der oberen Pritschen auf die Gesichter der Frauen, die unten lagen, mischte sich mit Blut, Eiter und Urin und bildete auf dem Fußboden der Baracken eine einzige stinkende und klebrige Masse." Zwei sachliche Mitteilungen über einen Sachverhalt. Aber die Zeugenschaft der Sehenden, behauptet Mauricio, ist der Information überlegen; nicht weil sie erschüttert, sondern weil sie in der Erinnerung an absolute Würdelosigkeit die Würde zu bewahren sucht. Der Würde hinter der Würdelosigkeit war Mauricio auch auf der Spur, als er 1956, als 23jähriger Journalist der Tageszeitung El Popular, im Departement Treinta y Tres die elenden Lebensbedingungen der Reisarbeiter erkundete. Im Zuge seiner ausführlichen Recherche lernte er Raúl Sendic kennen, den Sohn eines Kleingutsbesitzers, der Jahre später die Protestbewegung der Zuckerrohrschneider im Norden Uruguays schüren und organisieren sollte. Mauricios populärstes Werk, La rebelión de los cañeros", ist die Chronik dieser Bewegung, aus der Mitte der sechziger Jahre die Nationale Befreiungsbewegung der Tupamaros hervorgehen sollte. Dem Buch steht eine Widmung voran, die mit den Worten schließt: ".. . denn es gibt nichts Subversiveres als den Hunger." Aus der Empörung über den Hunger erwuchsen Kampf, Illegalität, Geiselhaft. Mauricio Rosencof war 38 und politischer Verantwortlicher der Tupamaros, als er im März 1972 verhaftet wurde. Das war ein Jahr vor dem Militärputsch, in der Ära des unheilvollen Präsidenten Bordaberry, der auf den wachsenden Druck in den Fabriken, an der Universität und von der Straße mit repressiver Gewalt antwortete. Zehn Monate hindurch wurde Mauricio verhört und gefoltert, dreimal mußte er wegen der ihm zugefügten Wunden in ein Militärhospital eingeliefert werden. Aber erst im September 1973 begann sein eigentlicher Leidensweg: Eines Nachts wurde er aus seiner Zelle im Gefängnis von La Libertad geholt und zusammen mit acht weiteren Mitgliedern der Tupamaros in eine enttegene Kaserne, in seinem Fall nach Santa Clara de Olimar, gebracht. Alle paar Monate fand eine neuerliche Überstellung statt, nach Lagúna del Sauce, Melo, Rocha, Paso del los Toros... insgesamt fünfunddreißigmal. Die Militärs verfolgten eine Doppelstrategie: Einerseits galten ihnen die neun Männer als lebende Schutzschilde, Geiseln also, die man bei Attentaten der Tupamaros liquidieren würde, andererseits war es ihre erklärte Absicht, sie in den Wahnsinn zu treiben. Tatsächlich verloren zwei Gefangene in elfeinhalb qualvollen Jahren den Verstand; einer starb im Kerker, ein weiterer Monate nach der Befreiung an den Folgen der Haf't. In tagelangen Gesprächen, über 400 engbedruckte Seiten hinweg haben sich Ñato Fernández Huidobro und Mauricio Rosencof dieser elfeinhalb Jahre vergewissert. Ihr zweistimmiges Werk Wie Efeu an der Mauer" ist die Chronik einer aufs Vegetative reduzierten Existenz, die aus den geringsten Lebensäußerungen einer Spinne, einem nassen Fleck an der Decke, einer Feder, die in den Bunker schwebt - die Kraft zum Durchhalten schöpft. Der Durst peinigt die Geisel, ihr Zeitgefühl geht verloren. Wunden schwären. Alles Sinnen ist darauf gerichtet, Darm und Blase entleeren zu dürfen. Auf dem Abort wird die Geisel mit Handschellen ans Leitungsrohr gefesselt. Das Leitungsrohr läuft unter der Decke, also muß die Geisel auf Zehenspitzen stehen. Wie aber scheißt man auf Zehenspitzen? Irgendwo, irgendwann nach Monaten oder Jahren wird die Geisel ihrem alter Vater vorgeführt; der Vater erkennt sie nicht. "Wo ist mein Sohn! Ich will meinen Sohn sehen!" Der Sohn, währenddessen, erwirbt Kenntnisse der Biologie; um den Durst zu bekämpfen, trinkt er den eigenen Urin. Aber der Urin muß erst erkalten und Kristalle als Bodensatz absondern, sonst behält er seinen ekelhaften Nachgeschmack. Der Bunker ist 1,20 Meter breit und 1,80 Meter lang, das erlaubt in der Diagonale drei kleine Schritte und eine halbe Drehung. Nach dem dritten Schritt erfolgt eine Wendung um 45 Grad. In dem Brei im Napf, der manchmal reingeschoben wird, haben die Wachen ihre Zigarettenstummel ausgedrückt. Nachts stürzen zwei oder drei Unteroffiziere herein und machen die Geisel mit Karateschlägen nieder. Die Geisel erhebt sich, schwankend. Wird wieder niedergeschlagen. Dann tagelang kein Geräusch, nur der Flügelschlag einer Schwalbe, die sich vor der Luke ein Nest baut. Oder ohrenbetäubender Lärm, Militärmärsche. Notdurft, auf Nase und Mund der Geisel verrichtet. Elfeinhalb Jahr. Elfeinhalb Jahre lang Einsamkeit das vor allem. Allein im Betongrab. Allein mit einer Kapuze auf dem Kopf; Kapuze die man lieb gewinnt, die zur Frau, zur Tochter, zu den Eltern wird, zu den Volksmassen, von denen man nichts weiß. Einsamkeit des Schweigens. Bis Ñato und Mauricio eines Tages entdecken, daß sie Zellennachbarn sind, und leise miteinander zu sprechen beginnen, mit wunden Knöcheln gegen den rauhen Beton und mittels eines simplen Morsealphabets: Einmal klopfen A, zweimal B, dreimal C . . . Anfangs tauschen sie Informationen aus, dann spielen sie Schach (das Schachbrett, mit einem Nagel heimlich in den Boden gekratzt), dann ereifern sie sich, geraten in Streit, klopfen das Angebot zur Versöhnung gegen die Wand. So überleben sie. Ihre stockende Fingerknöchelkonversation, ihre Angst, belauscht zu werden. Zur selben Zeit, zwischen 1973 und 1985, gab es draußen, in Montevideo oder Artigas, Colonia oder Rocha, Hunderte, Tausende, Zehntausende vielleicht, die Uruguay ganz angenehm fanden, nicht nur Anhänger der Diktatur; es waren Menschen unter ihnen, die, hätten sie das Unrecht gesehen, vom Willen beseelt gewesen wären, gegen das Unrecht vorzugehen. Sie haben es aber nicht gesehen. Warum sieht einer nichts, sehend, wie und wo erwacht der Wunsch, die eigene Würde, und die der anderen, zu verteidigen? Mauricios Eltern stammten aus Polen. Zuerst kam der Vater nach Uruguay, 1932, im Zwischendeck eines Seelenverkäufers. Noch im selben Jahr folgte ihm die Mutter mit Mauricios älterem Bruder León. Die Eltern waren in Belsice aufgewachsen, einer Ortschaft nahe Lublin. Der Mädchenname der Mutter war Silberman. Am 30. Juni 1933 wurde Mauricio geboren, in der Kleinstadt Florida, im Jahr darauf übersiedelte die Familie nach Montevideo. Der Vater war Schneider und Bolschewist. Unter den jüdischen Einwanderern war der Kommunismus so stark verbreitet, daß das erste kommunistische Wochenblatt Uruguays auf jiddisch erschien: Unser Frujnd. Auch die Eltern redeten zu Hause jiddisch, mit Mauricio sprachen sie spanisch. Hätte er damals besser aufgepaßt, sagt er, würde er heute etwas Deutsch verstehen. Die Familie war arm. Das ganze Viertel, Palermo, war arm. Mauricio mußte schon bald Geld verdienen. Tagsüber verkaufte er Gemüse oder arbeitete in einer Textilfabrik, abends ging er zur Schule. Der Vater wollte ihm das Schneiderhandwerk beibringen, der Junge wehrte sich. Von klein auf hatten ihn die Eltern zu ihren Versammlungen mitgenommen. Die Männer diskutierten über den Kriegsverlauf in Spanien, die Frauen strickten Wollsocken für die Freiwilligen der Internationalen Brigaden. Mauricio sammelte das Silberpapier aus den Zigarettenschachteln. Aus dem Silberpapier wurde dann Munition für die Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg gemacht. So jedenfalls hat er es verstanden. Von Mal zu Mal kamen Briefe von den Verwandten in Polen. Jeden Sonntag las der Vater, Don Isaac Rosenkopf, seiner Familie die Briefe vor. Mauricio verstand nicht alles, was in den Briefen stand. Er verwechselte die Geschwister des Vaters mit denen der Mutter, die beiden Großmütter kamen ihm durcheinander, die Cousins und Kusinen. Manchmal holte seine Mutter den Schuhkarton mit den Familienfotos hervor und sagte ihm die Namen ihrer Angehörigen, während sie mit dem Finger auf ein Foto tippte. "Das ist Irene, sagt sie, ,und das ist Anna, die hat auch zwei Kinder, aber die sind nicht auf dem Foto, und die sind in deinem Alter.` - ,Warum kommen sie uns nicht besuchen`, frage ich, und Mama sagt: ,Wie sollten sie das anstellen?` Und Mama zeigt nochmals auf das Foto und sagt: ,Wie heißen sie`, und ich sage, ,Irene und Anna und Rosa`, aber manchmal weiß ich es nicht, weil sie so viele sind." Dann ging der Krieg in Spanien verloren, und es begann ein neuer Krieg. Die Hitlerarmee fiel in Polen ein. Da kamen keine Briefe mehr von den Verwandten. Es kamen keine Briefe mehr, weil keine Briefe mehr geschrieben wurden, weil es irgendwann keine Verwandten mehr gab, die diese Briefe hätten schreiben können. Aber in der wunderbar sachten, traurigheiteren Erzählung Mauricios, Die Briefe, die nie angekommen sind", gibt es diese Briefe, die die Ermordung der in Polen zurückgebliebenen Verwandten zurücknehmen. Es sind Briefe, die von zunehmender Gefährdung berichten, von Getto, Deportation und Lager, von größter Erniedrigung und kleinster Gegenwehr, und die gegen die Wirklichkeit der Tatsachen geschrieben - von einem Sieg berichten: vom Überleben, vom Weiterleben der Würde. Nachdem er im März 1985 als einer der letzten politischen Gefangenen freigekommen und im Triumphzug nach Montevideo zurückgebracht worden war, verschwand Mauricio eines Nachts. Da lief er allein durch das Viertel Palermo, in dem immer noch das baufällige Haus stand, mit dem Balkon, auf dem sein Vater auf die Briefe der Verwandten gewartet hatte, die Mauricio ein halbes Jahrhundert später schreiben würde. Zuerst allerdings, gleich am ersten Abend in Freiheit, hatte er seine Eltern im Israelitischen Altersheim besucht. Sie lagen schon im Bett, lächelten, und seine Mutter sagte das erste Wort. "Nur diese Frage, die immergleiche Frage seit meiner Geburt: ,Hast du auch was gegessen?"` Dann rückte sein Vater etwas zur Seite und klopfte auf seine Bettdecke. "Ich folgte seiner Einladung, wie damals, wenn mein Bruder und ich uns abends auf die Federdecke setzten, die er aus Polen mitgebracht hatte, und Papa uns aus der Bibel vorlas und von Moses sprach, ,der die Sklaven erhob, um sie frei zu machen`. Dann schloß meine Mutter ihre zitternden Hände um die meinen, und mein Alter zwinkerte mir mit seinem Lausbubengesicht zu." Mauricio Rosencof wohnt heute im Stadtteil Punta Carretas, in Sichtweite eines berüchtigten Hochsicherheitsgefängnisses, das vor ein paar Jahren in ein Shopping Center umgewandelt wurde. Er ist Uruguays bedeutendster Dramatiker. Einmal hat er aus einem Brief vorgelesen,, den ,Che` Guevara 1956 an seine Mutter geschrieben hatte: "Ich habe beschlossen, mich der herrschenden Ordnung der Dinge entgegenzustellen, den Schild im Arm, alles ist reine Phantasie. Und danach, falls die Flügel der Windmühlen mir den Kopf nicht abschlagen, werde ich schreiben." Der ,Che` hat die Schlacht gegen die Windmühlen nicht überlebt. Mauricio schreibt. |