DAS MUSIKTHEATER SPRINGINSFELD


Die Gruppe im Bild

Interview von 1992

Interview von 1997


4 von 8:
MUSIKTHEATER SPRINGINSFELD

Von links nach rechts:
Jens (Onkel), Marianne (Fröschin), Jörg (Walther von der Vogelkacke) Katja (Lotte)

Vier von insgesamt acht DarstellerInnen des Musiktheater Springinsfeld aus Hildesheim. 1991 hat sich die Gruppe aus vier Studentinnen der Kulturpädagogik gegründet, um Theater zu machen. Ein Stück war schnell gefunden, da Martina gerade ein Stück über Missbrauch mit ihrer Wuppertaler Gruppe "Creme frech" geschrieben hatte. Zusammen mit dem Regisseur Rainer Haußmann, ebenfalls aus Wuppertal bearbeiteten sie das Stück und begannen mit der Inszenierung. Parallel wurden die Lieder komponiert und getextet und das Bühnenbild gebaut. Mit Mitteln vom niedersächsischen Frauenministerium konnte die Inszenierung finanziert und vor allem die ersten Aufführungen an Schulen subventioniert werden.

Seit der Premiere 1992 spielt die Gruppe das Stück etwa 80 - 100 mal im Jahr, überwiegend in Schulen. Inzwischen hat die Gruppe aus dem Stück auch ein Hörspiel produziert, das vom WDR und vom HR ausgestrahlt wurde und in einer eigenen Fassung auch als Kassette vertrieben wird.

Seit 1995 sind neue Mitglieder zu der Gruppe gestoßen, da Prüfungen anstanden, Umzüge anstanden, weitere Ausbildung begonnen wurden und die Koordination der Termine immer schwieriger wurde, zumal die Nachfrage weiterhin sehr groß ist. So spielen heute 8 Menschen die vier Rollen des Stückes, je nach verfügbarer Zeit.

Interview von 1992

Zur Entstehung des Stückes ein Interview mit Martina Breinlinger, Mitautorin und Darstellerin der Lotte.

Frage: Martina, Du hast Anfang letzten Jahres mit deiner Wuppertaler Theatergruppe Creme Frech das Stück zur Prävention von sexuellem Missbrauch geschrieben. Mit welchen Vorstellungen seid Ihr an die Arbeit gegangen ?

Martina: "Kann man auf dem Friedhof Theater spielen?" Dieser Satz kommt meiner ersten Reaktion auf den Vorschlag ,Kindertheater zu Missbrauch' sehr nahe, auch wenn er aus einem gänzlich anderen Zusammenhang stammt (Joshua Sobol, ,Ghetto`). Kindertheater, das hat doch was zu tun mit Spiel, Spaß, Spannung (Joghurette), mit Leichtigkeit, Lachen, Mut machen . . . Klar kann es da wohl mal ernst und traurig zugehn, sind die Kinder ja auch, aber dann sollte es doch schnell wieder ,nach vorn abgehen`.
Und Missbrauch? Die ersten Assoziationen sind Angst, Scham, Vergewaltigung, Ekel, Isolation, Seelenmord . . . Die Bilder dazu sind dunkel, schwül und widerlich hoffnungslos.
Naja, dann haben wir doch mit dem Studium der Fachliteratur angefangen, und plötzlich witterten wir überall auch in unserer näheren Umgebung sexuellen Missbrauch. Und das leider nicht zu unrecht. Klar, die Folgen des Missbrauchs sind nicht exotisch: Ess- und Schlafstörungen, Verspannungen, diffuse Ängste, Depression, Vereinsamung, Selbstmord, die Ablehnung der eigenen Geschlechterrolle, Arbeitszwang und -unfähigkeit, und so weiter und so weiter
. Wir haben uns angeguckt und gesagt, dass das doch alles normal ist in unserer Gesellschaft. Da lag die Frage auf der Hand, wie normal denn unsere Normalität eigentlich ist.
Wir haben dann beg
riffen, dass wir, indem wir uns blind stellen für die Signale der Missbrauchten, beisteuern. Daher wollten wir das Kinderstück so konzipieren, dass es auch Erwachsene betroffen macht, sensibilisiert. Gleichzeitig sollte es die Problematik einigermaßen umfassend und richtig darstellen, also informieren, und natürlich sollte es kräftiges, gutes Kindertheater werden. Das war ein Haufen hoher Ansprüche und kostete letztlich ein knappes Jahr Arbeit unterschiedlichster Leute.

Frage: Welchen Präventionsansatz habt Ihr mit dem Stück umgesetzt?

Martina: Nach der Beschäftigung mit der Präventionsliteratur war klar, dass hier viel falsch gemacht werden kann: versucht mensch, den Mädchen (und Jungen) Selbstvertrauen, Mut zum Widerspruch, zum Ausbruch aus der Opferrolle zu geben, so besteht die Gefahr, ihnen damit auch Verantwortung aufzubürden, betroffenen Kindern noch mehr Schuldgefühle aufzubürden, mit: "Missbrauch muss nicht sein, Ihr seid doch stark genug, Euch zur Wehr zu setzen!" Das Kind, das so etwas lernt und weiter Missbrauch erleidet, muss ja denken: "Ich bin wohl schwächer als die anderen Kinder; die wehren sich, also bin ich auch selber schuld . . ."
Diese Kritik wird zurecht am sogenannten CAP-Modell geübt, das fast ausschließlich auf die Stärkung der Kinder abzielt. Das Problem ist einfach nicht deren Schwäche . . .
r uns bedeutete das eine Gratwanderung: Kinder zum Nein-Sagen zu ermutigen, aber nicht zu verpflichten, ihnen Vertrauen in die eigene Kraft zu vermitteln, ohne ihre letztlich ohnmächtige Position in einem (möglichen) Missbrauchsverhältnis zu ignorieren . . . Das Kind in unserer Geschichte sollte also weder ein typisches ,braves Mädchen' sein, noch ein Supergirl, das aus eigener Kraft alle Probleme spielend löst.

Frage: Eine ähnliche Gratwanderung forderte das Thema Angst. Irgendwann hast Du geschrieben, dass Ihr mit dem Stück weder erschrecken noch verharmlosen wolltet. Wie habt Ihr Euren Anspruch in die Tat umgesetzt?

Martina: In ,Hau Ab Du Angst' spielt - wie der Titel sagt - die Angst eine große Rolle. Nach der ersten Nacht wird sie zu Lottes Schatten, zur ständigen Begleiterin, sie macht einen großen Anteil von Lottes Stimmungsumschlag aus. Damit für die Kinder Lottes Handeln und Fühlen verständlich, eine Identifikation also möglich bleibt, mussten wir eine Form der Darstellung finden, die zwar einen Teil der Angst vor der erlebten Bedrohung auf das Publikum überträgt, aber gleichzeitig keine neuen Ängste in den Kindern weckt. Das führte direkt zu der Frage, wie und ob der Missbrauch dargestellt wird.
Wir waren uns sofort einig, dass eine Darstellung von Missbrauch, der die Geschlechtsteile mit einbezieht, nicht in Frage kommt, um deren allgemein negative Besetzung nicht noch weiter voranzutreiben. Deshalb wählten wir das Bild des ,Füßegrabbelns', eines eigentlich harmlosen Vorgangs, der seinen Missbrauchscharakter dadurch erhält, dass er gegen Lottes Willen und Gefühle an ihr vollzogen wird. Dieses Bild erlaubt es den (k
indlichen) Zuschauerlnnen, sich von der Handlung zu distanzieren, die Metapher mit eigenen Erfahrungen zu füllen, oder einfach eine Abenteuergeschichte mit nützlicher Moral zu genießen. Wir haben dann überlegt. dass wir selbst dieses ,Füßegrabbeln' nicht auf die Bühne bringen wollen. Das hätte vom Eigentlichen abgelenkt, nämlich von dem, wie sich Lotte dabei fühlt, was es mit ihr macht, wie sie versucht, sich dagegen zu wehren. Also haben wir noch weiter abstrahiert und sind schließlich auf die heutige Form der ,Nachtszenen' gekommen:

("Lotte steht alleine am vorderen Bühnenrand, Augen geschlossen. Sie trägt ihr Nachthemd. Im Arm hält sie ein Kuscheltier.
Dunkel, dann fällt von hinten ein Türschlitz-Lichtkegel auf sie.

Aus dem Off ertönen leicht disharmonische Fetzen verschiedener Schlaflieder, die in langsamem Tempo übereinander gesummt werden.
Lotte spricht deutlich und klar, ohne Betonung, wie im Traum.) (Pause.)

Lotte: Ist da wer? (Pause.) Wer ist ist da? (Pause.) Laß los - bitte! (Pause.)

Nein, nicht! (Pause.) Hör auf. (Pause.) Geh doch weg. (Pause.)

Ich habe Angst.

(Pause. Sie geht mit dem Gesicht zum Publikum langsam ab, die Musik bricht ab.)"

Wir haben diese Form gewählt, weil sie für alle Kinder, eigentlich auch für alle Erwachsenen eine Besetzung mit eigenen Ängsten und Erfahrungen erlaubt. Das muss nicht Missbrauch sein, genauso wenig, wie das, was mit dem Stück gelernt werden kann, nur auf Missbrauchssituationen angewendet werden kann . . . Ein entschiedenes Nein kann im Alltag wesentlich mehr helfen, als im Angesicht eines Täters, der in der Regel eh nicht lange fragt.
Diese Szenen erzeugen keine Angst, aber sie können bestehende Ängste hochkommen lassen. Selbst das kann mitunter zuviel sein. Das ist ein Dilemma, denn ganz auf eine Präsenz der Angst zu verzichten würde Lotte unglaubwürdig machen. Deshalb haben wir diese Szenen sehr kurz gemacht und ihnen unmittelbar leichtere Entspannungssequenzen folgen lassen.
Schließlich wird die Angst durch das ,Hau Ab Du Angst-Lied' in ihre Schranken verwiesen. Dieses Lied ist sehr eingängig und bietet den Kindern die Möglichkeit, sich beim Mitsingen des Refrains abzureagieren. Viele Kinder machen das auch. Das ist ein tolles Gefühl, zu singen, und ein Chor von Kindern steigt im Refrain ein . . .

Frage: Ihr habt das Stück zunächst als Märchen konzipiert. Während der Produktion wandelte es sich zu einem Gegenwartsstück mit Reminiszenzen an Märchen und Mittelalter. Was hat es da für Gründe gegeben?

Martina: Die ursprüngliche Idee war tatsächlich, ein modernes Mädchen in einer Märchenwelt diese Erlebnisse machen zu lassen. Wie mit dem Bild des ,Füßegrabbelns' wollten wir damit die Möglichkeit anbieten, dass die Zuschauerlnnen selber den Abstand wählen, mit dem sie die Handlung betrachten wollen. Aber dann merkten wir dass dieses "Es war einmal in einer fernen Zeit . . :' genau diese Freiheit nicht ließ, sondern automatisch die Handlung in sehr weite Ferne rückte und da fest einordnete. Das fanden wir unpassend, weil das, was Lotte erlebt, mit unserer Gegenwart zu tun hat. Also haben wir beschlossen, die Figuren und die Ausstattung in die Gegenwart zu verlagern. Dabei haben wir gleichzeitig verschiedene verfremdende Elemente beibehalten, die Fröschin, die sprechen kann, den fahrenden Musikanten, das Dynamoziped (das erste stromerzeugende Trimmrad), haben die Spielorte "Rittersaal" und "Garten" nicht weiter konkretisiert, um insgesamt eine konkrete zeitliche Zuordnung immer wieder zu durchbrechen. Was da passiert. passiert seit über zweitausend Jahren und für uns eben hauptsächlich heute.
Für Kinder scheinen diese Formen von Abstraktion keine besondere Schwierigkeit darzustellen, sie erlauben ihnen, das, was sie sehen, auf ihre Weise auszudeuten und auf sich zu beziehen oder eben nicht. In Gesprächen erfuhren wir z. B.: "Die Fröschin war wie ein Kuscheltier. Denen kann man auch alles erzählen:' oder: .,Das war die beste Freundin, der man alles sagen kann, die einen versteht."

Interview von 1997

"Nur die Spitze des Eisbergs"

YOYO: Wie seid ihr auf das Thema sexueller Missbrauch gestoßen?

Katja: Wir haben uns vor fünf Jahren während des Studiums an der Uni kennen gelernt. Wir wollten alle politisches Theater machen, und eine von uns, die Martina Breinlinger, hatte gerade dieses Stück geschrieben. Es kam unserem Anspruch sehr nah, und wir haben einfach damit losgelegt.

Marianne: Für Kinder ab sechs Jahren gab es damals noch kein Theaterstück zu diesem Thema, wir waren die erste Gruppe.

YOYO: Was wollt ihr mit eurem Stück erreichen?

Katja: Ich will den Kindern Mut machen. Sie sollen lernen, nein zu sagen und sich zur Wehr zu setzen: Sexueller Missbrauch ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Wo fängt er denn an? Ich glaube, dass fast jeder Mensch schon erlebt hat, dass ihm jemand zu nahe getreten ist und er nicht geschafft hat zu sagen: "Stop, bis hier und nicht weiter".

YOYO: Warum ist das Stück auch für Erwachsene interessant?

Marianne: Wir wollen sie für das Problem sensibilisieren. Erwachsene verdrängen unheimlich viel. Wenn wir nach der Aufführung mit ihnen diskutieren, sprechen sie immer nur über Kinder, nie über ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema.

YOYO: Heute weiß man, dass Missbrauch schon anfangen kann, wenn Kinder die berühmten Oma- oder Onkelküsse geben müssen.

Katja: Es ist nicht immer leicht, den Willen von Kindern zu akzeptieren. Wir erleben, dass Eltern, die ihre Kinder nach dem Grundsatz der Willensfreiheit erziehen, sich später darüber ärgern, dass ihre Kinder sich ihnen häufig verweigern.

Marianne: Für mich ist das Nein-Sagen eine ganz grundlegende Sache. Ein selbstbewusstes Nein ist immer noch unüblich und unerwünscht, deswegen haben die meisten Menschen so große Schwierigkeiten damit. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem du es lernen musst.

Katja Heiser, 26, und Marianne Iser, 29, studieren Kulturpädagogik in Hildesheim, Katja ist seit Beginn (1991) bei "Springinsfeld" , Marianne spielt seit drei Jahren in der Truppe.