DAS MUSIKTHEATER SPRINGINSFELD
4 von 8:
MUSIKTHEATER
SPRINGINSFELD
![]() Von links nach
rechts: Vier von insgesamt acht DarstellerInnen des Musiktheater Springinsfeld aus Hildesheim. 1991 hat sich die Gruppe aus vier Studentinnen der Kulturpädagogik gegründet, um Theater zu machen. Ein Stück war schnell gefunden, da Martina gerade ein Stück über Missbrauch mit ihrer Wuppertaler Gruppe "Creme frech" geschrieben hatte. Zusammen mit dem Regisseur Rainer Haußmann, ebenfalls aus Wuppertal bearbeiteten sie das Stück und begannen mit der Inszenierung. Parallel wurden die Lieder komponiert und getextet und das Bühnenbild gebaut. Mit Mitteln vom niedersächsischen Frauenministerium konnte die Inszenierung finanziert und vor allem die ersten Aufführungen an Schulen subventioniert werden. Seit der Premiere 1992 spielt die Gruppe das Stück etwa 80 - 100 mal im Jahr, überwiegend in Schulen. Inzwischen hat die Gruppe aus dem Stück auch ein Hörspiel produziert, das vom WDR und vom HR ausgestrahlt wurde und in einer eigenen Fassung auch als Kassette vertrieben wird. Seit 1995 sind neue Mitglieder zu der Gruppe gestoßen, da Prüfungen anstanden, Umzüge anstanden, weitere Ausbildung begonnen wurden und die Koordination der Termine immer schwieriger wurde, zumal die Nachfrage weiterhin sehr groß ist. So spielen heute 8 Menschen die vier Rollen des Stückes, je nach verfügbarer Zeit. |
Interview von 1992
| Zur
Entstehung des Stückes ein Interview mit Martina
Breinlinger, Mitautorin und Darstellerin der Lotte. Frage: Martina, Du hast Anfang letzten Jahres mit deiner Wuppertaler Theatergruppe Creme Frech das Stück zur Prävention von sexuellem Missbrauch geschrieben. Mit welchen Vorstellungen seid Ihr an die Arbeit gegangen ? Martina: "Kann man auf dem
Friedhof Theater spielen?" Dieser
Satz kommt meiner ersten Reaktion auf den Vorschlag
,Kindertheater zu Missbrauch' sehr nahe,
auch wenn er aus einem gänzlich anderen Zusammenhang
stammt (Joshua Sobol, ,Ghetto`). Kindertheater, das hat
doch was zu tun mit Spiel, Spaß, Spannung (Joghurette),
mit Leichtigkeit, Lachen, Mut machen . . . Klar kann es
da wohl mal ernst und traurig zugehn, sind die Kinder ja
auch, aber dann sollte es doch schnell wieder ,nach vorn
abgehen`. Frage: Welchen Präventionsansatz habt Ihr mit dem Stück umgesetzt? Martina: Nach der Beschäftigung
mit der Präventionsliteratur war klar, dass hier viel
falsch gemacht werden kann: versucht mensch, den Mädchen
(und Jungen) Selbstvertrauen, Mut zum Widerspruch, zum
Ausbruch aus der Opferrolle zu geben, so besteht die
Gefahr, ihnen damit auch Verantwortung aufzubürden,
betroffenen Kindern noch mehr Schuldgefühle
aufzubürden, mit: "Missbrauch muss nicht sein, Ihr
seid doch stark genug, Euch zur Wehr zu setzen!" Das
Kind, das so etwas lernt und weiter Missbrauch erleidet, muss ja denken: "Ich bin wohl schwächer als die
anderen Kinder; die wehren sich, also bin ich auch selber
schuld . . ." Frage: Eine ähnliche Gratwanderung forderte das Thema Angst. Irgendwann hast Du geschrieben, dass Ihr mit dem Stück weder erschrecken noch verharmlosen wolltet. Wie habt Ihr Euren Anspruch in die Tat umgesetzt? Martina: In ,Hau Ab Du Angst'
spielt - wie der Titel sagt - die Angst eine große
Rolle. Nach der ersten Nacht wird sie zu Lottes Schatten,
zur ständigen Begleiterin, sie macht einen großen
Anteil von Lottes Stimmungsumschlag aus. Damit für die
Kinder Lottes Handeln und Fühlen verständlich, eine
Identifikation also möglich bleibt, mussten wir eine
Form der Darstellung finden, die zwar einen Teil der
Angst vor der erlebten Bedrohung auf das Publikum
überträgt, aber gleichzeitig keine neuen Ängste in den
Kindern weckt. Das führte direkt zu der Frage, wie und
ob der Missbrauch dargestellt wird.
Wir
haben diese Form gewählt, weil sie für alle Kinder,
eigentlich auch für alle Erwachsenen eine Besetzung mit eigenen
Ängsten und Erfahrungen erlaubt. Das
muss nicht Missbrauch
sein, genauso wenig, wie das, was mit dem Stück gelernt
werden kann, nur auf Missbrauchssituationen angewendet
werden kann . . . Ein entschiedenes Nein kann im Alltag
wesentlich mehr helfen, als im Angesicht eines Täters,
der in der Regel eh nicht lange fragt. Frage: Ihr habt das Stück zunächst als Märchen konzipiert. Während der Produktion wandelte es sich zu einem Gegenwartsstück mit Reminiszenzen an Märchen und Mittelalter. Was hat es da für Gründe gegeben? Martina: Die ursprüngliche Idee
war tatsächlich, ein modernes Mädchen in einer
Märchenwelt diese Erlebnisse machen zu lassen. Wie mit
dem Bild des ,Füßegrabbelns' wollten wir damit die
Möglichkeit anbieten, dass die Zuschauerlnnen selber den
Abstand wählen, mit dem sie die Handlung
betrachten wollen. Aber dann merkten wir dass dieses
"Es war einmal in einer fernen Zeit . . :' genau
diese Freiheit nicht ließ, sondern automatisch die
Handlung in sehr weite Ferne rückte und da fest
einordnete. Das fanden wir unpassend, weil das, was Lotte
erlebt, mit unserer Gegenwart zu tun hat. Also haben wir
beschlossen, die Figuren und die Ausstattung in die
Gegenwart zu verlagern. Dabei haben wir gleichzeitig
verschiedene verfremdende Elemente beibehalten, die
Fröschin, die sprechen kann, den fahrenden Musikanten,
das Dynamoziped (das erste stromerzeugende Trimmrad),
haben die Spielorte "Rittersaal" und
"Garten" nicht weiter konkretisiert, um
insgesamt eine konkrete zeitliche Zuordnung immer wieder
zu durchbrechen. Was da passiert. passiert seit über
zweitausend Jahren und für uns eben hauptsächlich
heute. |
Interview von 1997
"Nur die Spitze des Eisbergs" YOYO: Wie seid ihr auf das Thema sexueller Missbrauch gestoßen? Katja: Wir haben uns vor fünf Jahren während des Studiums an der Uni kennen gelernt. Wir wollten alle politisches Theater machen, und eine von uns, die Martina Breinlinger, hatte gerade dieses Stück geschrieben. Es kam unserem Anspruch sehr nah, und wir haben einfach damit losgelegt. Marianne: Für Kinder ab sechs Jahren gab es damals noch kein Theaterstück zu diesem Thema, wir waren die erste Gruppe. YOYO: Was wollt ihr mit eurem Stück erreichen? Katja: Ich will den Kindern Mut machen. Sie sollen lernen, nein zu sagen und sich zur Wehr zu setzen: Sexueller Missbrauch ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Wo fängt er denn an? Ich glaube, dass fast jeder Mensch schon erlebt hat, dass ihm jemand zu nahe getreten ist und er nicht geschafft hat zu sagen: "Stop, bis hier und nicht weiter". YOYO: Warum ist das Stück auch für Erwachsene interessant? Marianne: Wir wollen sie für das Problem sensibilisieren. Erwachsene verdrängen unheimlich viel. Wenn wir nach der Aufführung mit ihnen diskutieren, sprechen sie immer nur über Kinder, nie über ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema. YOYO: Heute weiß man, dass Missbrauch schon anfangen kann, wenn Kinder die berühmten Oma- oder Onkelküsse geben müssen. Katja: Es ist nicht immer leicht, den Willen von Kindern zu akzeptieren. Wir erleben, dass Eltern, die ihre Kinder nach dem Grundsatz der Willensfreiheit erziehen, sich später darüber ärgern, dass ihre Kinder sich ihnen häufig verweigern. Marianne: Für mich ist das Nein-Sagen eine ganz grundlegende Sache. Ein selbstbewusstes Nein ist immer noch unüblich und unerwünscht, deswegen haben die meisten Menschen so große Schwierigkeiten damit. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem du es lernen musst. Katja Heiser, 26, und Marianne Iser, 29, studieren Kulturpädagogik in Hildesheim, Katja ist seit Beginn (1991) bei "Springinsfeld" , Marianne spielt seit drei Jahren in der Truppe. |