"WIR MUSSTEN UNS DURCHSETZEN"
- Ein Gespräch mit dem Teatro Trono -


 

Ein heißer Sonntag im Dezember 1991 in der dünnen Luft von »El Alto«, der inzwischen mehrere hunderttausend Einwohner zählenden Vorstadt auf der Hochebene von La Paz. Das Zentrum zur Förderung der Frau »Gregoria Apaza« veranstaltet zum Abschluß einer Begrünungsaktion des tristen Wohnviertels »l6.Juli« ein »Fest des Baumes.« Kinder kneten kleine Bäume, auf der Bühne gibt es traditionelle Musik und allegorische Tänze, Moderatorinnen versuchen mit markigen Worten - wie die Showmaster im Fernsehen - auf Aymara und Spanisch die zahlreichen Passanten zu mobilisieren. Bürgermeister und Vertreter von Stadtteilkomitees unterschiedlicher politischer Couleur halten Reden und Männer lesen interessiert die Flugblätter der »Gregorias«, während sie sich die Schuhe putzen lassen. Selbst eine Militärkapelle haben die frauenbewegten Organisatorinnen engagiert, die offensichtlich keine Berührungsängste haben. Am meisten Zulauf hat dann aber eine Gruppe phantasievoll verkleideter und clownesk geschminkter Jungen. Auch ohne die Worte versteht jeder die Geschichte, die mit einer satirisch überzogenen Liebesszene, der Heirat und der unvermeidlichen folgenden Geburt eines Kindes beginnt, das geschickt unter leidendem Klagen der »Mutter« unter einer Decke hervorgezogen wird.

Das Stück hat die Gruppe extra für das »Fest des Baumes« geschaffen. Es erzählt die Geschichte eines Kindes parallel zum Wachsen eines Baumes. Beide brauchen Pflege und beiden geht es schlecht, als nach einigen Jahren ein Händler kommt und der Familie einen Fernseher verkauft. Statt den Baum zu gießen und sich um das Kind zu kümmern, sitzt der Vater vor dem Fernseher. Die Mutter ist mit Einkaufen und Putzen beschäftigt. Geblendet von den Illusionen der Seifenopern und enttäuscht von der Wirklichkeit, beginnt der Vater zu trinken: Der Baum verdorrt, der Junge verläßt die Schule; gerät an Drogen. Trotzdem gibt es schließlich ein Happy End. Das Publikum lacht, erkennt in den Szenen die karikatureske Verzerrung ihres eigenen Alltags, freut sich über die Anspielungen auf sonst verschämt versteckte Probleme.

Nach der Aufführung sitzen die jungen Schauspieler der Gruppe »Teatro Trono« noch eine Weile hinter der Bühne im Schatten des Denkmals für Tupac Amaru, der im 18. Jahrhundert in den Anden einen der größten Aufstände gegen die spanische Kolonialmacht angeführt hat. Die Jungen scheinen keine Lust zu haben, sich abzuschminken. Sie scherzen, unterhalten sich. Mich hat die lebhafte Vorstellung beeindruckt und ich versuche, mit der Gruppe ins Gespräch zukommen.

»Wir arbeiten seit etwa zwei Jahren zusammen«, sagt Claudio, der Älteste, der im Stück den Vater gespielt hatte. »Da kam ein Herr mit Namen Ivan Nogales in unser Heim. Er hatte schon viel Erfahrung in der Theaterarbeit und wollte mit uns eine Art Therapie machen. Damals konnten die Jungen im Heim noch nicht hinaus auf die Straße. Aber als wir sahen, daß das mit dem Theater gut funktionierte, sind wir auch in die Öffentlichkeit gegangen. Das war nicht leicht. Wir mußten uns gegen die Verantwortlichen im Zentrum durchsetzen. Vor allem Ivan hat gekämpft. Sie sagten, wir wollten nur abhauen. Das Zentrum war so etwas wie ein Gefängnis. Jetzt ist das etwas anders geworden.«

Die Gruppe spielt auf Einladung verschiedener Einrichtungen, berichtet Claudio. Die Jungen waren gerade aus dem mehrere hundert Kilometer entfernten Cochabamba nach La Paz zurückgekehrt. Sie bekommen oft auch Geld dafür, das sie für sich behalten können.

Eddy hat im Stück die Mutter gespielt: Fast die ganze Zeit fegte »sie« schimpfend mit dem Besen über die Bühne, und das mit einer Inbrunst, als würde er nichts anderes kennen. Dabei ist Eddy erst vier Monate in der Gruppe, er ist ein Talent oder vielleicht ist er einfach auch noch unbefangen. »Es ist das erste Mal, daß ich Theater spiele und es fängt an, mir zu gefallen.« Ich frage Eddy wie er sich fühlt, wenn er als Junge eine Frau spielt. »Das ist schon etwas schwer. Man muß sich anstrengen, wenn die Leute einem zusehen. Aber das geht vorüber.« Ruben ist erst seit zwei Wochen dabei: »Ich hatte schon immer Lust, Theater zu spielen. Aber erst jetzt habe ich den Mut dazu gefaßt.« Ich frage die Jungen, woher sie die Ideen haben, wer die Handlung des Stückes erfunden hat. »Das haben wir alle gemeinsam gemacht«, meint Eddy. »Unser Lehrer Iván Nogales und die Gruppe. Wir alle haben dieses Stück geschaffen, um es heute vorzutragen.« Sie haben aber auch noch weitere Stücke im Repertoire. »Unser erstes Stück hieß 'Hundeleben',« berichtet Claudio. »Es geht um die Straßenkinder, die von der Polizei mißbraucht und mißhandelt werden. Es zeigt, wie sie mit Diebereien überleben. Ein anderes Stück heißt »Der Bettnässer«. Da geht es darum, wie man in den Anstalten der Jugendbehörde DIRME lebt. Ich will wissen; was die Verantwortlichen von DIRME sagen, wenn die Jungen solche Stücke aufführen. »Die haben sich schon geärgert,« meint Claudio. »Es war auch ganz schön harter Tobak. Aber sie müssen einsehen, daß das Theaterspielen genau dafür da ist. Wir haben ihnen ja deshalb gezeigt, wie wir in dieser Anstalt leben, damit sich etwas ändert. Wir haben vorgeführt, wie die Kinder geschlagen werden, auch daß sie keine Ausbildung bekommen, mit der sie einmal wieder nach Hause gehen könnten.

Wir haben auch andere Stücke gespielt wie 'Frühling' oder 'Genesis', oder Werke von anderen Autoren, etwa Galeanos 'Die Schildkröte und der Hase'.« Claudio erzählt, daß alle Schauspieler auch zur Schule gehen. Das ist in Bolivien keineswegs selbstverständlich. Deshalb will ich wissen, was sie später einmal tun werden.

»Ich möchte gerne Schauspieler werden, meint Eddy, „ich möchte ein Künstler sein." Rubén, der sich bisher zurückgehalten hat, ergänzt: »Selbstverständlich kann man nicht allein von der Schauspielerei leben. Ich will wohl gerne weiter Theater spielen, aber auch einen anderen Beruf lernen: Soziologie.« Ich frage, wie er ausgerechnet auf Soziologie kommt. »Da redet man über die Gesellschaft, genauso wie im Theater.« Diese Einschätzung, aber auch die Begeisterung der Jungen kommt nicht von ungefähr. Für ihren Betreuer hat das Theaterspielen nicht allein therapeutische Funktionen. Der Sozialwissenschaftler sieht es auch als eine Möglichkeit, mehr und authentischer das Leben auf der Straße erfahrbar zu machen, von der die Jungen kommen.

Pater Jorge Vilas, Präsident des Kinderschutzbundes von Bolivien, der von „terre des hommes" gefördert wird, meinte in einem Gespräch kurz zuvor allerdings, daß das Leben der Straßenkinder auch den bürgerlichen Familien gar nicht so fremd sein dürfte. Die Straßenkinder zeigen heute, so der Jesuit, offen und ungehemmt all die Handlungsweisen der Gesellschaft, die diese immer zu verbergen trachtete. Sie stehlen und betrügen auf offener Straße, sie nehmen Drogen und sie schlafen mit einander, selbstverständlich ohne Trauschein und vor den Augen Fremder. Aber wenn man mit dem moralisierenden Finger auf die Straßenkinder zeige, könne man von den eigenen Fehlern ablenken und davon, daß die Gesellschaft selbst fehlerhaft und ungerecht sei. Straßenkinder sind nicht zuletzt deshalb heute zu einem Modethema geworden. Nicht, daß es vor zehn Jahren, bevor die Geldwirtschaft nach den Maßgaben des Weltwährungsfonds »saniert« wurde, keine verlassenen Kinder auf der Straße gab. Aber sie verschwanden schnell in den Heimen, die inzwischen aber hoffnungslos überfüllt sind.

Zurück zu den Jungen von »Teatro Trono«. Auch sie kommen von der Straße, auch wenn sie das nicht mehr hören wollen. Beim Theaterspielen drücken die Heimzöglinge nun aus, hofft Iván Nogales, was sie in einer Befragung nicht mitteilen würden. Der Soziologe will so über das Theaterspiel auch ein besseres Verständnis für die Kinder auf der Straße bekommen und damit auch einen besseren Zugang. Zunächst gibt es aber Probleme. Mitten in unserem Gespräch werden die Jungen aufgeregt. Einige alte Bekannte von der Straße kommen auf die Gruppe zu und provozieren Streit. Der drogenabhängige Junge im Stück sei schlecht weggekommen; was sie genau gestört hat, bekommen wir nicht heraus. Gefühle von Ausgrenzung und von Neid? Nur mit Mühe kann der Betreuer die Jungen davon abhalten, aufeinander loszugehen.

Die jungen Schauspieler möchten keine Straßenkinder mehr sein. aber im Heim wollen sie auch nicht länger bleiben. »Wir wollen aus der Anstalt raus«, meint Claudio, »und eine eigene Wohngemeinschaft gründen. Zusammen mit dem Lehrer Iván verhandeln wir gerade ein Projekt, um an Geld zu kommen, damit wir ein eigenes Haus bekommen. Dort können wir uns dann dem Theaterspielen widmen. Es soll 'Gemeinschaft für Kunstschaffende' (COMPA) heißen.« Später erzählt mir ihr Betreuer Iván Nogales, daß die Jungen ihm zuerst allen Ernstes vorgeschlagen haben, eine Bank auszurauben, um an das nötige Geld zu kommen. Der Soziologe war keineswegs entsetzt, sondern gerührt über so viel Vertrauen zu ihm. Er konnte sie aber überzeugen, es erst einmal auf dem legalen Weg mit Projektanträgen zu versuchen.

Ich frage die Jungen, ob sie alle aus La Paz kommen. »Ja, wir sind alle 'Chucutas',« meint Ruben. »Aber hier unser Kamerad möchte auch noch was sagen,« gibt er das Wort an einen verschmitzt dreinschauenden Jungen weiter, der bislang nur zugehört hatte: »Ich wollte noch sagen, daß mir das Theaterspielen sehr gut gefällt. Aber wir können nicht allein vom Theater leben. Deshalb wollen wir in unserem Haus auch nicht nur Theater machen, sondern auch Marionettenspiel, Musik, Gedichte.« Was werdet ihr als nächstes spielen? »1992 wollen wir ein Stück über die Eroberung Amerikas aufführen«. Von meiner Nachfrage, warum sie auf solch uraltes Ereignis kommen, das doch schon 500 Jahre zurück liege, lassen sie sich nicht verunsichern. »Es ist gut, sich wieder daran zu erinnern und zu wissen, was in diesen 500 Jahren und vor diesen 500 Jahren passiert ist. Das wollen wir in einem Theaterstück zeigen. Wir wollen unsere Gefühle zum Ausdruck bringen. die Gefühle derer, die von hier kommen. Wir sind aber erst am Anfang. Iván hat eine kleine Büchersammlung und mit den Büchern werden wir uns erst einmal kundig machen. Danach können wir dann das Stück gestalten.«

Peter Strack, IKA 46, 1991