TUNNEL-THEATER:
DIE SCHLACHT IM STALL



DIE SCHLACHT IM STALL (von Mauricio Rosencof)



OHNE WÜRDE
GIBT ES KEINEN
GRUND ZUM
ÜBERLEBEN.
WER WÜRDELOS
LEBT, BRAUCHT
SICH NICHT ZU
ERINNERN.
ERINNERN GIBT
STOFF, WÜRDE
VERLEIHT HALT.
Der Autor über das Stück:

"Vor kurzem hast du mich gefragt, warum "Die Schlacht im Stal"l plötzlich so bekannt geworden ist. Vielleicht, weil wir alle etwas von der Kuh in uns haben und weil uns die uns umgebende Realität in diese Richtung drängt. Die Macht sitzt nicht nur im Innen- oder im Verteidigungsministerium, sie ist das Glöckchen der Aufsicht, das klingelt, bevor man die Treppe ganz runtergegangen ist, sie ist der Beamte, der die Eingaben verwaltet und nur dann einen Finger bewegt, wenn er dazu Lust verspürt oder mit Schmiergeldern bestochen wird. Aber es setzt noch früher an: Was für ein Potential tragen wir in uns? Ein rührendes Beispiel, das mir einfällt, ist das einer alten Frau. Ich bin ihr auf einem der unendlichen Gänge anläßlich der Pensionierung meines Vaters, der vor neun Jahren gestorben ist, begegnet. Sie klopfte an eine Türe, aber niemand machte ihr auf. Nach kurzer Zeit wurde mir klar, daß sie klopfte, um sich selbst zu genügen: laut genug, wie um sich selbst zu überzeugen, daß sie klopfte, und so leise, wie sie konnte, um der erniedrigenden Behandlung und der Zurückweisung zu entgehen.

Das ist auch die Geisteshaltung, die ich mit diesem Stück ausdrücken will, die es auf diesen gemeinsamen Nenner der menschlichen Seele bringt. [...] Schließlich sind wir alle, absolut alle, wenn es um dieses Thema geht, Protagonisten."

Aus einem Artikel von José Lopez in: mate amargo, Uruguay, 27.1.1994


"ICH GLAUBE; DASS
DIESER KLAGENDE TON,
DER MANCHMAL WIE EIN
UNSICHTBARER VOGEL
IN DIE HÖHE FLATTERT,
DEN LETZTEN REST
MENSCHLICHER WÜRDE
DARSTELLT. ER IST
VIELLEICHT DIE EINZIGE
MÖGLICHKEIT, DIE EIN
MENSCH HAT, UM DEN
ANDEREN SEIN LEBEN
UND SEIN STERBEN ZU
DEUTEN. [...]
WENN NICHTS MEHR
BLEIBT, MUSS MAN
SCHREIEN. SCHWEIGEN
IST DAS WAHRE VERBRE-
CHEN GEGEN DIE
MENSCHLICHKEIT."
Aus: Rosencof: Die Briefe, die nie ange-
kommen sind, Österreich 1997
"Der einzige Unterschied zwischen Kuh und Mensch ist, daß die Kuh nicht Flöte spielen kann."

In den politischen Gefängnissen Uruguays war es den Gefangenen nicht gestattet, sich zu grüßen. "Guten Tag" zu sagen oder "Hallo" wurde streng bestraft. Dies gehörte zu einer Politik der Entmenschlichung. [...] Kühe grüßen sich nicht, wenn sie sich auf der Weide begegnen. Die politische Repression zielt also darauf ab, den Gefangenen durch Isolation und Schweigen zum Tier zu rnachen."
Aus: Mauricio Rosencof, Hundeleben, Hamhurg 1990, S.28

"Wenn du gut muh machst, lassen sie dich auf die Weide"

Bei den Vereinten Nationen wurde das Ziel dieser Haftbedingungen von Amnesty International angeprangert, und zwar unter Berufung auf den bekannten Satz des für unsere Verschleppung verantwortlichen Obersten. "Da wir sie bei ihrer Verhaftung schon nicht töten durften, werden wir sie in den Wahnsinn treiben." Einer von uns neun starb, zwei wurden wahnsinnig.
Aus: Mauricio Rosencof, Hundeleben, Hamburg 1990, S.30

Ein Freund Mauricios kaufte sich eine Zellentür des ehemaligen Gefängnisses. Er versah sie mit der Nummer seiner Zelle und mauerte die Tür in seiner Wohnung ein. Diese Tür, sagt Mauricio, steht Tag und Nacht offen. Ein zweiter Freund, der jahrelang in einer Zelle von Punta Carretas eingesperrt war, verbringt jeden Tag viel Zeit auf der Toilette. Er sitzt auf dem Klodeckel und starrt an die Wand gegenüber. Da fühlt er sich zu Hause. Der dritte war noch zu Zeiten der Diktatur freigekommen und ins mexikanische Exil geflohen, zu seiner Frau und den Kindern. Wenn die Kinder unartig waren, bestrafte er sie mit stundenlangem Stehen mit gespreizten Beinen und ausgebreiteten Armen - dem "plantón", mit dem ihn die Wärter in Punta Carretas bestraft hatten.
Aus: Erich Hackl: Reise durchs Erinnern, Frankfurter Rundschau vom 17.5.1997

DAS TUNNEL-THEATER

Das Tunnel-Theater ist eine freie, nicht-professionelle Theatergruppe in Bielefeld ohne festen Spielort, die aus einer Theaterinitiative im Dritte-Welt-Haus Bielefeld entstanden ist. Erstmalig trat das Tunnel-Theater im Sommer 1995 mit der Bearbeitung des Stückes "La Chunga" von Mario Vargas Llosa an die Öffentlichkeit. 1996 folgten zwei weitere Inszenierungen: "Mirad, ein Junge aus Bosnien" von Ad de Bont wurde in der Zeit von Juni 96 bis Februar 97 wiederholt aufgeführt, in Schulen, Flüchtlingswohnheimen, dem Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) Bielefeld und an der Universität Bielefeld. Das Stück erzählt von einem bosnischen Jugendlichen, der als Flüchtling nach Deutschland kommt. Im November 1996 führte das Tunnel-Theater gemeinsam mit dem Bielefelder Chor "Quintenkomplott" das Stück "Sloane Square" von Marlene Streeruwitz auf.

Das Tunnel-Theater wird künstlerisch von der Regisseurin und Theaterwissenschaftlerin Barbara Frey geleitet. Barbara Frey hat während ihres Studiums, das sie 1990 mit dem 'Magister Artium' abschloß, als Regieassistentin und als Mitarbeiterin von Augusto Boal, dem Begründer des 'Theaters der Unterdrückten' (einem pädagogisch-politischen und sozialkritischen Theateransatz) in Deutschland und Frankreich gearbeitet. Im Anschluß an das Studium war sie als Hochschulassistentin für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst "Mozarteum" in Salzburg tätig, später als Dramaturgin an den Städtischen Bühnen Bielefeld. Sie arbeitet als Schauspielpädagogin und freie Regisseurin in Bielefeld.

Das Tunnel-Theater hat zur Zeit 12 feste Mitglieder im Alter von 18 - 58. Das Stück "Schlacht im Stall" wird jedoch mit nur drei Spielern erarbeitet werden. Die SchauspielerInnen sind keine Profis, man könnte sie inzwischen jedoch als semi-professionell bezeichnen. Dem 'Tunnel-Theater ist es wichtig, ein Theater zu machen, das gesellschaftspolitische Anstöße zu geben in der Lage ist und die ZuschauerInnen zum Nachdenken bewegt. In diesem Kontext ist auch das Projekt "Schlacht im Stall" einzuordnen.

DAS MEINT DIE PRESSE:

Das Tunnel Theater zeigt im Bunker Ulmenwall "Die Schlacht irn Stall":
Mit Leib und Seele eine Kuh

Von Marcus Wildelau

Bielefeld. "Der einzige Unterschied zwischen Kuh und Mensch ist, daß die Kuh nicht Flöte spielen kann." Das weiß José, politischer Gefangener, der in einer kleinen Zelle in Uruguay jahrelang einsitzen muß. Nachts kratzt er in mühsamer Arbeit mit seinen Nägeln ein kleines Loch in ein Stück Rohr, er baut eine Flöte. Sein Mitgefangener ist zur Kuh geworden. Er ist kein Mensch mehr, setzt sich der Willkür des Wärters Perrone aus. Regelmäßig muß Jose ihn melken, um die knappe Milch an Perrone weiterzugeben. Es sind Schmiergelder und Untertänigkeiten. Die Kuh ist ein Tier, das sich auf der Weide untereinander nicht begrüßt. Auch die Gefangenen dürfen nicht miteinander sprechen oder sich Grußworte zuwerfen.

José aber gibt nicht auf

José aber gibt nicht auf, er singt, schreit, träumt, um sich selbst zu zeigen, daß er ein Mensch bleibt und nicht zur Kuh wird, wie sein Zimmergenosse. Doch auch José trägt die Veranlagung der genügsamen Kuh in sich. Ein feiger Reflex, eine Angst, vielleicht sterben zu müssen. Er projiziert seinen eigenen, inneren Kampf zwischen wiederkäuendem, gleichgültigem Nutzvieh und stolzem Rebell auf den immer anwesenden Kollegen. Aber er hat keine Chance, eine Veränderung zu erreichen, er darf nur nicht anfangen, seine Menschenwürde zu verlieren.

Mauricio Rosencof, Autor des Stückes, war selbst 13 Jahre in Uruguay als politischer Gefangener in Isolationshaft. " .. Verliese von zweimal ein Meter, ohne Wasser, wir haben unseren eigenen Urin getrunken, waren auf halbe Ration gesetzt, sind zu Insektenfressern geworden . . . " Das Stück "Die Schlacht im StaII" entstand während der Haft. Rosencof gelangte durch Bestechung an Bleistiftstummel und schmuggelte die kargen Notizen im Hemdsaum eingenäht nach draußen, wenn seine Familie die Kleidung zum Waschen abholte. Als Gegenleistung für die Bleistifte verfaßte er für die Wärter Liebesgedichte. Es ist eine unvorstellbare Leistung, seine eigene Würde unter Überlebensbedingungen wie in dieser Haft nicht zu verlieren.

Das Theaterstück, inszeniert von Barbara Frey, zeigt ein Destillat, eine Frucht aus dieser Erfahrung des ehemaligen Gefangenen. Es zeigt die beiden Lager in der Seele eines Menschen, wenn einem alles genommen wird. José, von Heiner Wild als ein zorniger aber feinsinniger Mann dargestellt, rebelliert zart, um jenen Grat zwischen "laut genug, um sich selbst zu genügen" und "so leise wie er konnte, um der erniedrigenden Behandlung und der Zurückweisung zu entgehen" zu treffen.

Jörg Maß spielte als Kuh so gleichgültig wie möglich, um der Langsamkeit von namenlosen Jahren genüge zu tun. Allein die Sonne, die einmal in die Zelle schien, ließ José und die Kuh gleichermaßen erschrecken da war eine Erinnerung an ein anderes, helleres, wärmeres Leben.

Und schließlich Frieder Schülein als Perrone, der Wärter mit dem brillanten sadistischen, dialektunterstützten Charme eines Ziegenhirten. Schade nur, daß die Inszenierung schon nach einer Stunde vorbei war. Viel länger hätte es dauern können, viel länger hat es gedauert, mit den Fingernägeln ein Loch in ein Rohr zu schnitzen.